Präzision statt Verbote: Was das Projekt «Pflopf» zeigt

Präzision statt Verbote: Was das Projekt «Pflopf» zeigt

Ein sechsjähriges Forschungsprojekt in drei Kantonen zeigt: Mit Präzisionstechnologie lässt sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um ein Viertel senken, ohne auf Ertrag und Qualität zu verzichten.

Sonntag, 23. August 2026

Die Landwirtschaft steht am Übergang von der industriellen zur intelligenten Landwirtschaft. Was nach einem eingängigen Werbeslogan tönt, ist auf vielen Feldern Tatsache. Dank neuester Technologie können Anbau und Aufzucht von ganzen Kulturen optimiert werden, wie nie zuvor. Diese digitale Präzision ist eine Chance für alle – für die Betriebe, für die Umwelt und für die Versorgungssicherheit. Auch in der Schweiz beschäftigt man sich mit diesem neuesten Entwicklungsschritt der Landwirtschaft.


Projekt «Pflopf»: 25 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel durch Präzision

Sechs Jahre lang haben 58 Betriebe in den Kantonen Aargau, Thurgau und Zürich getestet, ob sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit digitalen Werkzeugen spürbar reduzieren lässt, und das Ergebnis des Ressourcenprojekts «Pflopf» (Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming) ist eindeutig: Mit gezielten technologischen Massnahmen konnte die Pflanzenschutzmittelmenge auf den beteiligten Flächen im Schnitt um 25 Prozent gesenkt werden.

Wie das? Lohnunternehmer Thomas Haller aus Birrhard AG setzt beispielsweise seit 2021 eine Pflanzenschutzspritze mit Einzeldüsenabschaltung ein und spart damit je nach Parzellenform spürbar Mittel ein. Gemüseproduzent Thomas Käser aus Birmenstorf AG kombiniert ein kameragesteuertes Hackgerät mit Spot-Spraying und reduziert den Mittelverbrauch bei einzelnen Kulturen um bis zu 80 Prozent. Beide setzen zudem seit über einem Jahrzehnt auf satellitengestützte Lenksysteme, die auf 2,5 Zentimeter genau arbeiten und so zum Beispiel doppelte Applikationen verhindern.

Das Projekt «Pflopf» zieht daraus einen klaren Schluss: Pflanzenschutz bleibt wichtig, um Erträge zu sichern und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu produzieren. Die Frage ist also nicht das Ob, sondern das Wie – und genau da setzen die neuen Technologien an. Präzisionslösungen sollen und können Verbote ersetzen: Statt dass ganze Wirkstoffklassen pauschal vom Markt genommen werden, können dank Technologie die Einträge minimiert und die Kulturen geschützt werden.


Kooperationsmodelle und Skaleneffekte in der Schweiz und im Ausland

Die neuen Technologien sind leistungsfähig, aber zuweilen noch teuer und anspruchsvoll im Unterhalt. Präzisionsmaschinen amortisieren sich erst ab einer gewissen Flächenleistung. Da die Betriebe in der Schweiz grösser werden und Feldarbeiten vermehrt an Lohnunternehmer übertragen werden, gewinnen digitale Technologien aber an Bedeutung, schreibt beispielsweise der «Schweizer Bauer». Klar ist aber: Es braucht vermutlich auch Kooperationen – unter Landwirten oder über Lohnunternehmer, die das nötige Fachwissen und die Maschinen bündeln. So kann die Technologie über Grossbetriebe Fuss fassen und dazu beitragen, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln merklich reduziert wird.

Das Bundesamt für Landwirtschaft hat das erkannt und will Lohnunternehmer künftig im Rahmen der AP 2030+ ebenfalls über Produktionssystembeiträge unterstützen.

Kooperationsmodelle sind in der hiesigen Landwirtschaft aber eher die Ausnahme. Dass solche Modelle über den reinen Technologieeinsatz hinaus funktionieren, zeigt sich in Deutschland, wo Bauern sich zunehmend Feld, Maschinen und Risiko teilen und so von Skaleneffekten profitieren.

Besonders eindrücklich zeigt sich das auch in den Niederlanden: Dank konsequenter Ausrichtung auf Forschung, Innovation und dem gezielten Einsatz moderner Technologie gelingt es dem Land, auf begrenzter Fläche enorme Mengen an hochwertigen Agrarprodukten zu erzeugen. Das niederländische Modell gilt zu Recht als Vorbild einer produktiven und zugleich ressourcenschonenden Landwirtschaft. Gerade mit Blick auf die Schweizer Diskussion um Skaleneffekte und Technologieeinsatz kann dieses Beispiel Impulse liefern.


Datenkompetenz und AgTech-Innovationen als Schlüssel für die Zukunft

Präzisionslandwirtschaft lebt von Daten: Satellitenbilder helfen, den Zugang zu Feldinformationen breiter verfügbar zu machen, wie ein weiterer Beitrag des «Schweizer Bauer» zeigt. Wie weit das gehen kann, zeigt Syngenta: Zusammen mit dem Westschweizer Start-up Gamaya, einem EPFL-Spin-off, hat der Konzern ein digitales Tool entwickelt, das Nematodenbefall im Boden anhand von Satellitenbildern erkennt – ursprünglich für brasilianische Sojafarmen, wo dieser Schädling teils bis zu 30 Prozent Ertragsausfall verursacht. Es ist ein Beispiel dafür, wie Kooperationen zwischen Agrarkonzernen und AgTech-Start-ups neue, datenbasierte Lösungen hervorbringen.

Genau dieses Muster beschrieb Agrarjournalist Olaf Deininger schon am swiss-food Talk vom April 2023: Wir befänden uns am Übergang von der industriellen zur intelligenten Landwirtschaft, in der Daten und Algorithmen präzise Eingriffe statt Giesskannenprinzip ermöglichen. Bio-Pionier Urs Niggli haut in seinem Meinungsartikel in der NZZ im August 2026 in die gleiche Kerbe: Deep Tech wird die Landwirtschaft nachhaltiger durch Innovationen machen.

Dass Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zusammengehören, unterstreicht auch der Bundesrat in seinem kürzlich veröffentlichten Bericht zur «Strategie 2050» für die Land- und Ernährungswirtschaft: Eine der sieben Zielvorgaben lautet, dass die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft offen für neue Technologien sein und international bei umwelt- und ressourcenschonenden Verfahren eine Führungsrolle einnehmen soll. Das «Pflopf»-Projekt liefert dazu den praktischen Beweis: Wer Pflanzenschutzmittel künftig reduzieren will, kommt an Präzisionstechnologie, Datenkompetenz und neuen Kooperationsformen zwischen Betrieben nicht vorbei.


Der Erfolgsbeitrag der forschenden Pflanzenschutz-Industrie

Ausgeblendet wird auch häufig, dass es keine Präzisionsapplikation ohne die Innovationen der forschenden Pflanzenschutzmittel-Firmen gibt: Diese entdecken oder designen nicht nur die wirksamen Moleküle oder naturinspirierten Biologicals, sondern bringen diese in eine Form, die die präzise Ausbringung erst ermöglicht. Die Formulierung – also die Zusammensetzung des Produkts, wie es der Landwirt verwendet - ist essentiell für eine ressourceneffiziente Ausbringung, damit der Wirkstoff dort landet, wo er wirken soll und auch die Düsen nicht verstopft. Auch die sogenannte «Saatgut-Beizung» ist eine Form der Präzisionsapplikation direkt auf die Samen vor dem Setzen im Feld, die den Keimling ummantelt und so in den ersten heiklen Wochen schützt.

Keine Fachbewilligung Pflanzenschutz

Auch regulatorisch zählt künftig Fachwissen statt Verbot: Ab 1. Januar 2026 braucht es für Kauf und Einsatz von Pflanzenschutzmitteln eine gültige, digitale Fachbewilligung (FaBe), die für fünf Jahre ausgestellt und danach mit acht Stunden Weiterbildung erneuert werden muss. Ab 2027 darf der Handel Pflanzenschutzmittel nur noch gegen Vorweisen einer gültigen FaBe verkaufen. Die Registrierung läuft über das offizielle Portal des Bundes.

Die Lohnunternehmer waren schneller unterwegs als der Gesetzgeber: Ihr Verband führte bereits vor einigen Jahren ein freiwilliges Zertifikat Pflanzenschutz ein, mit dem Mitglieder ihre Fachkompetenz laufend auf dem neusten Stand halten. Strengere Ausbildung, Präzisionstechnologie und bessere Sorten dank neuer Züchtungsmethoden greifen so ineinander: Die Situation beim Pflanzenschutz verbessert sich durch Professionalisierung und Innovation – nicht durch Verbote.

Über swiss-food.ch

swiss-food.ch ist eine Informationsplattform der forschenden Lebensmittel- und Agrartechnologiebranche und bündelt faktenbasierte Inhalte zu Ernährung, Landwirtschaft, Pflanzenschutz und Biotechnologie. Die Beiträge werden redaktionell aufbereitet, die verwendeten Quellen sind im Text verlinkt. Getragen wird die Plattform durch Syngenta und Bayer.

Schlagworte: Pflanzenschutz · Precision Farming · Pflopf · Landwirtschaft · Digitalisierung · Lohnunternehmer · AgTech · Fachbewilligung

Was ist das Ziel des Projekts «Pflopf»?

Das Ressourcenprojekt «Pflopf» (Pflanzenschutzoptimierung mit Precision Farming) untersuchte über sechs Jahre hinweg auf 58 Betrieben in den Kantonen Aargau, Thurgau und Zürich, ob der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln durch digitale Werkzeuge gezielt reduziert werden kann.

Wie viel Pflanzenschutzmittel lässt sich durch Präzisionstechnik einsparen?

Im Durchschnitt aller beteiligten Flächen konnte die Ausbringungsmenge um 25 Prozent gesenkt werden. Bei spezifischen Verfahren wie der Kombination von Spot-Spraying und kameragesteuerten Hackgeräten wurden bei einzelnen Kulturen Reduktionen von bis zu 80 Prozent erreicht.

Welche Rolle spielen Lohnunternehmer bei der Umsetzung?

Da moderne Präzisionsmaschinen teuer sind und sich erst ab einer gewissen Flächenleistung amortisieren, bündeln Lohnunternehmer das erforderliche Fachwissen und die Technik. Der Bund plant, Lohnunternehmer im Rahmen der AP 2030+ über Produktionssystembeiträge zu unterstützen.

Welche rechtlichen Voraussetzungen gelten ab 2026 für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln?

Ab dem 1. Januar 2026 ist für den Kauf und die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln eine digitale Fachbewilligung (FaBe) erforderlich. Diese ist fünf Jahre gültig und setzt für die Erneuerung acht Stunden Weiterbildung voraus. Ab 2027 darf der Handel Mittel nur noch gegen Nachweis der FaBe verkaufen.

Wie tragen Pflanzenschutzmittel-Hersteller zur Präzisionsapplikation bei?

Forschende Unternehmen entwickeln spezielle Formulierungen, die ein Verstopfen der Düsen verhindern und eine exakte Ausbringung sichern. Zudem ermöglichen Technologien wie die Saatgut-Beizung den gezielten Schutz des Keimlings direkt am Samen.

Wie unterstützen Satellitendaten den Pflanzenschutz?

Satellitenbilder ermöglichen die Erfassung von Feldinformationen und Befallsmustern. So entwickelte Syngenta mit dem Start-up Gamaya ein digitales Werkzeug, das Nematodenbefall im Boden per Satellit erkennt und gezielte Eingriffe ermöglicht.

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