Klimaerwärmung beeinflusst Verbreitung von Insekten

Klimaerwärmung beeinflusst Verbreitung von Insekten

Der Klimawandel hat grossen Einfluss auf die Verbreitung verschiedener Insektenarten. Bei kälteliebenden Insekten ist in den vergangenen 40 Jahren in der Schweiz ein Rückgang zu verzeichnen. Wärmeliebende Arten haben sich dagegen stärker ausgebreitet. Die Vorstellung, dass alleine die Landwirtschaft Schuld am Insektensterben trägt, erweist sich je länger je mehr als falsch.

Mittwoch, 14. Dezember 2022

Seit den 1980er Jahren beobachten Forscher weltweit einen Rückgang in Vielfalt, Anzahl und Biomasse von Insekten. Das Phänomen wird oft als «Insektensterben» bezeichnet. Als Hauptgründe für den Rückgang wurden bislang vor allem Lebensraumverluste und Landnutzungsänderungen diskutiert. Eine Untersuchung der Forschungsinstitute Agroscope, WSL, FiBL sowie «info fauna» zeigt nun, dass der Klimawandel ebenfalls grossen Einfluss auf die Verbreitung verschiedener Insektenarten nimmt.


Gewinner und Verlierer

Die Forscher untersuchten, wie sich die Verbreitung der Insektenfauna in der Schweiz in den vergangenen 40 Jahren verändert hat. Dazu analysierten sie 1,5 Millionen Meldungen von Laien und Fachleuten bezüglich des Vorkommens von Tagfaltern, Heuschrecken und Libellen. Die Resultate der in der Fachzeitschrift «Nature Communications» veröffentlichten Studie deuten darauf hin, dass bei den Untersuchten Insekten keine generellen Abnahmen zu verzeichnen sind. Allerdings gibt es unter den untersuchten Arten sowohl Gewinner als auch Verlierer. So konnten jene Arten, die sich am stärksten ausgebreitet haben, ihren Lebensraum im Schnitt um 70 Prozent vergrössern. Das Verbreitungsgebiet der am stärksten von einem Rückgang betroffenen Arten schrumpfte hingegen um durchschnittlich 60 Prozent.


Abnahme bei kälteliebenden Arten

Wie Autoren der Studie in einer Medienmitteilung schreiben, hat der Klimawandel in der Zwischenzeit einen grossen Einfluss auf die Verbreitung von Insekten: «Waren bis anhin Lebensraumverluste und die Landnutzungsänderungen die Hauptgründe für das lokale Verschwinden von Insektenarten, hat mittlerweile ebenso die Klimaerwärmung einen grossen Einfluss auf die Insektenfauna der Schweiz.» Bei kälteliebende Arten, die in den Alpen und Voralpen leben, ist ein Rückgang zu verzeichnen. Hingegen konnten wärmeliebende Arten aus dem Flachland ihr Verbreitungsgebiete erweitern. Gemäss Erstautor Felix Neff von Agroscope hat diese Entwicklung zur Folge, dass seltene Arten noch seltener werden und verbreitete Arten weiter zunehmen.

Besonders negative Auswirkungen auf die Verbreitung bestimmter Insekten kann der Klimawandel in Verbindung mit dem Landnutzungswandel haben. So wirke sich etwa eine Intensivierung der Grünlandnutzung in Kombination mit zunehmender Trockenheit im Sommer besonders negativ auf die Insekten aus. Es muss damit gerechnet werden, dass der Klimawandel zu grossflächigen Veränderungen bei den Insektenpopulationen führen wird.

Vielfältige Gründe für Insektenrückgang

Die Gründe für den beobachteten Rückgang vieler Insektenarten sind vielfältig. Auch auf globaler Ebene gilt zudem, dass es Verlierer und Gewinner gibt. So kommt eine grosse Meta-Studie zum Schluss, dass die Verbreitung von Wasserinsekten in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat. Bei Landinsekten kam es dagegen zu Verlusten. Eine grosse Rolle für den Rückgang bei Landinsekten spielt sicherlich die Ausbreitung von Siedlungsgebiet und die damit verbundene Versiegelung von Flächen. Der Lebensraum und das Nahrungsangebot vieler Insekten werden kleiner. Die Zunahme von Lichtquellen führt zudem zu «Lichtverschmutzung», die sich negativ auf Insekten auswirken kann. Aber auch der Eintrag von Substanzen wie Reinigungs- oder Pflanzenschutzmittel in die Natur können einen Einfluss auf die Verbreitung von Insekten haben. Wie die Studie von Agroscope zeigt, muss jedoch auch der Klimawandel immer stärker als Faktor für die Verbreitung von Insektenpopulationen in Betracht gezogen werden. Das beliebte Narrativ, dass «Pestizide schuld am Insektensterben seien», greift aber definitiv zu kurz.

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