Sicherheitsrisiko Teller: «Wir sind äusserst angreifbar»
Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz ist rückläufig und deckt nicht einmal mehr die Hälfte unseres Bedarfs. Für SVP-Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger ist klar, dass die Versorgungssicherheit endlich als Teil der nationalen Sicherheit begriffen werden muss. Im Interview mit swiss-food erklärt er, weshalb er mit seiner neuen Motion die Ernährungssicherheit und regionale Verarbeitungsstrukturen im Fundament der Schweizer Sicherheitspolitik 2026 verankern will.
Mittwoch, 10. Juni 2026
Sie fordern, die Ernährungssicherheit stärker als Teil der nationalen Sicherheit zu behandeln. Welche Entwicklungen der letzten Jahre machen diesen Schritt aus Ihrer Sicht notwendig?
Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger: Auf der Traktandenliste der Frühlingssession hatten wir das Landesversorgungsgesetzes mit der Wirtschaftlichen Landesversorgung, u.a. mit der Lagerhaltung/Pflichtlager, aber auch diversen Erkenntnissen aus den Berichten und Antworten zu Vorstössen aus und zur Covid Pandemie. Die Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln wird an einigen Stellen mit «guten Handelsbeziehungen» umschrieben und geplant. Wir sind m.E. in der Schweiz zu wenig vorbereitet und äusserst angreifbar auf Stufe Verarbeitung, Distribution und Verkauf, bspw. Energie oder Zugangswege, befinden wir uns in einer heiklen Ausgangslage. Zudem befasst sich die Sicherheitspolitische Strategie der Schweiz 2026 in einem Bericht umfassend mit der Sicherheit und dient den Behörden als Leitfaden und Dachstrategie. Diverse Themen werden beleuchtet, Stossrichtungen abgebildet, Ziele umschrieben und mögliche Massnahmen skizziert.
Gemäss Agrarbericht 2025 liegt der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz aktuell bei rund 42 Prozent. Sehen Sie Bedarf für eine grundlegende Neuausrichtung der inländischen Produktion?
Nein, es geht mir nicht um eine grundlegende Neuausrichtung der inländischen Produktion. Wir wissen aus den vergangenen Volksabstimmungen, dass den Schweizer Stimmbürgern und Stimmbürgerinnen die Wahlfreiheit im Teller wichtig ist. Zudem sind wir Konsumenten verwöhnt, drei bekannte und bewährte Labels, Bio Suisse, IP Suisse und die Produktion nach den bewährten Ökologischem Auflagen, sowie billigeren Importlebensmitteln haben wir für die Konsumentenschaft eine breite Auswahl in der Ladentheke und in den meisten Gastrobetrieben. Mir geht es um die Anbaubereitschaft der Bauernfamilien, um Fachwissen und regionale Verarbeitungsbetriebe, Arbeitsplätze und Lehrstellen, Wertschöpfung für KMU’s sowie kurze Transportwege und die Umwelt.
Wo sollte Ihrer Meinung nach der Netto-Selbstversorgungsgrad künftig idealerweise liegen?
Das ist eine komplexe Frage, weshalb diese Kennzahl für mich auch nicht im Vordergrund steht. Je nach Berechnungsart unterscheidet sich die Bilanz bei Bananen ja völlig von der bei Kartoffeln, Getreide, Milch oder Fleisch. Die Praxis zeigt vielmehr das Gegenteil: Die steigende Nachfrage nach Geflügelfleisch und die hohen Importe von Edelstücken bei rotem Fleisch beweisen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz nicht auf ihre etablierten Ernährungsgewohnheiten verzichten wollen.
Sie betonen die Bedeutung regionaler Verarbeitungsstrukturen. Wo sehen Sie derzeit die grössten Risiken durch Konzentration? Welche konkreten Folgen hätte ein Ausfall einzelner grosser Betriebe?
Ich erlaube mir zwei Betriebe als Beispiel zu nennen. Nehmen wir den Verarbeitungsbetrieb Bell in Oensingen oder den Milchverarbeiter Emmi. Kommt es in diesen Betrieben wegen eines Energiemangels zu Störungen bei den Zufahrtswegen, werden wichtige Versorgungswege in der Wertschöpfungskette gestört oder gar ganz unterbrochen – unter Umständen für Monate. Dabei handelt es sich um ein Klumpenrisiko, dem in den letzten Jahren zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Versorgungssicherheit umfasst mehr als nur die Produktion. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Faktoren wie Anbaukompetenz, Lagerhaltung sowie Produktionsmittel (z. B. Antibiotika oder Futtermittel)?
Das ist ein zentraler Punkt. In der Pandemie hatten wir plötzlich Versorgungsengpässe bei Antibiotika für Nutztiere, die sich bis ins 2024 hinauszogen. Was ist die Konsequenz daraus?
Ein weiteres Beispiel ist die Lagerhaltung. Im Nachgang zur Corona Pandemie wurde aus der Lagerhaltung zusammen mit einer angepassten Wirtschaftlichen Landesversorgung ein Schwerpunkt gebildet, da man erkannt hat, dass die Schweiz dort zu wenig gemacht hat.
Zur Anbaubereitschaft lässt sich Folgendes sagen: Wenn wir in der Schweiz auch in Zukunft Bauernfamilien wollen, die bereit sind, pro Hektare mehrere tausend oder gar zehntausend Franken vorzuschiessen – in der blossen Hoffnung, ein Jahr später ihre Kosten und einen fairen Arbeitslohn zu decken –, dann können wir uns glücklich schätzen. Das Gleiche gilt für die Lagerhaltung: Sie ist nicht gratis. Aber analog zu einer guten Gesundheitsversorgung ist sie eine Investition in unsere Sicherheit, die uns als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler etwas wert sein darf.
Der landwirtschaftliche Anbau hängt auch von wirksamem Pflanzenschutz ab. Ist die Schweiz Ihrer Meinung nach ausreichend gut aufgestellt, was die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln betrifft?
Ja und nein. Wir bauen in der Schweiz Kulturen an, bspw. Lauch, Zwiebeln, Kartoffeln, Raps oder Zuckerrüben, bei denen gewisse Wirkstoffe verboten und so nicht mehr verfügbar sind. Bauen wir diese Kulturen wegen dem fehlenden Schutz nicht mehr in der Schweiz an, müssen wir diese Lebensmittel aus Europa oder Amerika importieren, wo wiederum genau diese Mittel noch im Einsatz sind. Das hat doch weder mit Versorgungssicherheit, noch Lebensmittelverschwendung, mit effektivem Schutz der Umwelt, geschweige mit gesundem Menschenverstand zu tun.
Wie kann die Schweiz ihre Ernährungssysteme krisenfester gestalten, ohne dabei Innovation, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Lebensmittelbranche zu beeinträchtigen?
Eine umfassende Frage, die nur schwer in wenigen Sätzen zu beantworten ist. Wenn krisenfeste Ernährungssysteme im Zentrum stehen, dann muss die Lösung von dieser Seite her durchdacht werden und Vor- und Nachteile abgewogen werden. Innovation entsteht dort, wo ein Nischenprodukt Absatz findet, bspw. Saanenkalb. Die Effizienz wird in der Schweiz im Bereich der Land- und Ernährungswirtschaft nicht nur durch Automatisierung und neuen Technologien gemessen werden können. Sie wird auch in Zukunft eher über Mengen- und Grösseneffekte möglich sein – leider. So laufen wir Gefahr, dass noch mehr Strassenkilometer pro kg Lebensmittel gefahren und regionale lokale Verarbeitungsbetriebe mit den Skaleneffekten Wettbewerbsnachteile haben werden. Die Frage lautet daher: Sind wir Schweizer Konsumenten bereit, mehr als 6.5% der Haushaltausgaben für einheimische Lebensmittel auszugeben. So stärken wir insgesamt die Land- und Ernährungswirtschaft und das Kreislaufdenken. Zusammengefasst: Die Wertschöpfung bleibt in der Region und Arbeitsplätze werden erhalten.
Ähnliche Artikel
Exportiert die Industrie verbotene Pestizide?
NGO und Medien berichten immer wieder über Schweizer Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, die Pestizide exportieren, die in der Schweiz verboten sind. Schwache Vorschriften in den Importländern würden bewusst ausgenutzt. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen.
«Der Schutz der Kulturen ist nicht mehr gewährleistet»
Die Schweizer Landwirtschaft steckt beim Pflanzenschutz in der Klemme. Am Swiss-Food Talk vom 1. Juli 2025 schildern drei Produzentenvertreter, wie Verbote, fehlende Alternativen und lange Bewilligungsverfahren ihre Kulturen unter Druck setzen und die Versorgungssicherheit gefährden.
Weniger als 50 Prozent: Wie die Schweiz ihre Selbstversorgung verspielt
Die Schweizer Landwirtschaft steht massiv unter Druck. Wetterextreme, Schädlinge und immer strengere Auflagen setzen den Produzenten zu. Die Folge: Der Selbstversorgungsgrad sinkt dramatisch – besonders bei pflanzlichen Lebensmitteln. Um die Ernährungssicherheit in der Schweiz sicherzustellen, braucht es dringend wirksame Pflanzenschutzmittel.
Wissenschaftlich bewerten statt pauschal verbieten
Die Diskussion um PFAS gewinnt in der Schweiz an Dynamik. Im Zentrum stehen Fragen zu möglichen Gesundheits- und Umweltrisiken sowie der künftigen Regulierung. Dabei ist ein differenzierter, wissenschaftsbasierter Ansatz zentral – darauf weist scienceindustries im Rahmen eines Kurzinterviews mit Dominique Werner, Leiter Chemikalienregulierung, hin.
Schnellere Zulassung für Pflanzenschutzmittel längst überfällig
Die Schweiz verbietet fleissig Wirkstoffe, die auch in der EU vom Markt genommen werden. Umgekehrt steht sie auf der Bremse: Moderne Mittel, die in Nachbarländern zugelassen sind, bleiben blockiert. Mit der Annahme der Änderung des Landwirtschaftsgesetzes hat der Nationalrat nun aber einen wichtigen Schritt für die schnellere Zulassung von Pflanzenschutzmitteln getan.
Unterschiedliche Wahrnehmungen
Während die zunehmende administrative Belastung in der Wirtschaft als Hauptsorge wahrgenommen wird, sehen es Teile der Bevölkerung anders. Derweil werden Regulierungen immer wieder auch als Machtmittel im Konkurrenzkampf missbraucht – zum Leidwesen der KMU.
Inländische Produktion als blinder Fleck
Die Ernährungssicherheit der Schweiz steht zunehmend unter Druck: Die katastrophale Weizen- und Kartoffelernte vom letzten Jahr sorgte für eine zunehmende Importabhängigkeit. Doch der Bericht des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) schweigt weitgehend über die prekären Zustände der einheimischen Landwirtschaft. Die IG BauernUnternehmen hat deshalb den Bund scharf kritisiert.