Teure Fehlanreize auf dem Rübenfeld

Teure Fehlanreize auf dem Rübenfeld

Wenn Bund und Industrie unterschiedliche Dinge wollen, wird es teuer: Der Bund zahlt Rübenbauern fürs Nichtspritzen, die Zuckerbranche fürs Spritzen. Leidtragende sind Verarbeiter, Steuerzahler und Konsumenten.

Publiziert: 05.11.2026, 10:06 Uhr

Darum geht es

  • Bund und Zuckerbranche setzen gegensätzliche finanzielle Anreize für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Rübenanbau.
  • Durch den geringeren Zuckergehalt ungespritzter Rüben steigt der Verarbeitungs- und Energieaufwand in den Fabriken um 15 % an.
  • Ein grosser Teil des pestizidfrei produzierten Zuckers verpufft am Markt und wird ohne Mehrwert als Standardzucker verkauft.
  • Der sinkende Selbstversorgungsgrad gefährdet die Erfüllung der Swissness-Kriterien für verarbeitende Schweizer Lebensmittelhersteller.

Die Zuckerrübe ist ein weiteres Beispiel dafür, wie unterschiedliche und zuweilen widersprüchliche Ziele in der Landwirtschaft absurde Ergebnisse hervorbringen. Und das hat viel mit der Förderung, sprich den Subventionen, zu tun: Wie der «Schweizer Bauer» berichtet, belohnt der Bund die Bauern dafür, dass sie ihre Rübenfelder nicht spritzen. Die Zuckerbranche tut genau das Gegenteil: Sie zahlt eine Sonderprämie fürs Spritzen.

Um zu verstehen, wie es zu dieser Situation kommt, lohnt sich ein Blick auf das Fördersystem des Bundes. Dort fliesst ein wachsender Teil der Gelder nicht in die effiziente Herstellung von Lebensmitteln, sondern in einen möglichst ökologischen Anbau. Der Bund zahlt Rübenbauern 800 Franken pro Hektare, wenn sie auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Das ist gut für die betreffenden Bauern, aber schlecht für Erntemengen und -qualität, die verarbeitende Industrie, die Steuerzahler und die Konsumenten.


Verwässerter IP-Zucker

Die Rüben aus diesem Anbau mit Verzicht auf Pflanzenschutz enthalten weniger Zucker. Um die gleiche Menge Zucker zu gewinnen, muss die Fabrik deutlich mehr Rüben verarbeiten. Dadurch steigt der Energiebedarf pro gewonnener Zuckermenge um rund 15 %, wie es im Bericht des «Schweizer Bauers» heisst. Zudem nimmt der Aufwand für Transport und Verarbeitung zu. Die Steuerzahler wiederum finanzieren einen Verzicht, der am Markt oft verpufft: Nur etwa die Hälfte des Zuckers aus Anbau ohne Pflanzenschutz wird als IP-Suisse-Zucker mit Mehrwert verkauft, der Rest landet als gewöhnlicher Zucker im Regal. Und die Konsumenten verlieren ein Stück Swissness. Der Selbstversorgungsgrad bei Zucker ist unter 50% gefallen. Erst über dieser Marke müssen Hersteller gemäss Swissness-Gesetz mehr Schweizer Zucker einsetzen, damit ihre Produkte als schweizerisch gelten.

Um gegenzusteuern, zahlt die Zuckerbranche 2027 allen, die normal anbauen und bei Bedarf spritzen, 5 Franken pro Tonne zusätzlich zum Grundpreis von 43 Franken. Bund und Wirtschaft finanzieren damit zwei Prämien, die sich gegenseitig aufheben. Kirsten Müller, Geschäftsführerin des Verbands Lohnunternehmer Schweiz, bringt das Grundproblem auf den Punkt: «Wir verlieren an Produktivität durch falsche Direktzahlungen.» Dabei verlangt die Bundesverfassung eine ressourceneffiziente Lebensmittelproduktion. Und auch Lukas Aebi, Leiter Rübenmanagement bei der Schweizer Zucker AG betont dies im Schweizer Bauer-Artikel in Bezug auf den erhöhten Energiebedarf: «Dieser Aspekt muss Teil einer umfassenden Nachhaltigkeitsbeurteilung sein.»


Wer vermeidbare Ernteausfälle subventioniert, fördert Food Waste auf dem Acker
.

Das derzeitige Direktzahlungssystem unterläuft eigentlich das, was gerade wir in der Schweiz anstreben sollten: Eine umfassend nachhaltige Landwirtschaft - das bedeutet: Sie nutzt die ihr zu Verfügung stehenden Flächen ressourceneffizient und setzt auch die anderen Ressourcen wie Wasser, Dünger, Pflanzenschutzmittel, Energie, Arbeit und eben auch Finanzen so effizient wie möglich ein. Daran sollte man sich auch beim Bund orientieren. Die aktuelle Situation bei dem Zuckerrüben widerspricht dieser Zielsetzung komplett.

Schlagworte: Zuckerrüben · Direktzahlungen · Pflanzenschutz · Schweizer Zucker AG · Fehlanreize · Swissness · IP-Suisse · Agrarpolitik

Über swiss-food.ch

swiss-food.ch ist eine Informationsplattform der forschenden Lebensmittel- und Agrartechnologiebranche und bündelt faktenbasierte Inhalte zu Ernährung, Landwirtschaft, Pflanzenschutz und Biotechnologie. Die Beiträge werden redaktionell aufbereitet, die verwendeten Quellen sind im Text verlinkt. Getragen wird die Plattform durch Syngenta und Bayer.

Warum zahlt der Bund Prämien für den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel?

Der Bund lenkt einen wachsenden Teil der Direktzahlungen in ökologische Anbaumassnahmen und zahlt Rübenbauern 800 Franken pro Hektare, wenn sie vollständig auf Pflanzenschutzmittel verzichten.

Weshalb führt ungespritzter Rübenanbau zu einem höheren Energieverbrauch in der Zuckerfabrik?

Ungespritzte Rüben weisen einen geringeren Zuckergehalt auf, weshalb zur Gewinnung der gleichen Zuckermenge wesentlich mehr Rüben verarbeitet werden müssen. Dies erhöht den Energiebedarf pro Tonne Zucker um rund 15 %.

Welche Prämie zahlt die Zuckerbranche als Gegenmassnahme?

Die Zuckerbranche zahlt ab 2027 allen Betrieben, die konventionell anbauen und bei Bedarf Pflanzenschutzmittel einsetzen, eine Sonderprämie von 5 Franken pro Tonne zusätzlich zum Grundpreis von 43 Franken.

Welche Folgen hat die Praxis für den Schweizer Zuckerabsatz am Markt?

Nur rund die Hälfte des Zuckers aus Anbau ohne Pflanzenschutzmittel kann mit Mehrwert als IP-Suisse-Zucker verkauft werden. Die andere Hälfte landet als gewöhnlicher Zucker im Verkauf, womit der finanzierte Mehraufwand am Markt verpufft.

Wie wirkt sich die Situation auf die Swissness-Kriterien aus?

Der Schweizer Selbstversorgungsgrad bei Zucker ist unter 50 % gesunken. Erst bei einem Selbstversorgungsgrad über 50 % sind Lebensmittelhersteller nach dem Swissness-Gesetz verpflichtet, mehr Schweizer Zucker einzusetzen, um ihre Produkte als schweizerisch zu deklarieren.

Weshalb kritisieren Fachleute das aktuelle Direktzahlungssystem?

Branchenvertreter kritisieren, dass das Fördersystem die Produktivität schwächt und durch subventionierte Ernteausfälle Food Waste auf dem Feld fördert, anstatt die von der Bundesverfassung geforderte Ressourceneffizienz sicherzustellen.

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