Wo der Fokus bei Apfelzüchtungen liegt
Der neue Leiter der Forschungsgruppe Obstzüchtungen von Agroscope heisst Andrea Patocchi. Er erzählt in einem Interview mit der Fachzeitschrift Obst und Wein, wo heute der Fokus bei Apfelzüchtungen liegt.
Donnerstag, 9. Mai 2024
Seit Juni 2023 leitet Andrea Patocchi die Forschungsgruppe Obstzüchtungen von Agroscope. Die Fachzeitschrift Obst und Wein hat ihn zu den Forschungsschwerpunkten befragt. Davor leitete Patocchi die Forschungsgruppe Züchtungsforschung, die für die Entwicklung der Werkzeuge und Grundlagen für die Züchterinnen und Züchter verantwortlich ist. Die Forschungsgruppe Obstzüchtung demgegenüber setzt die Züchtungstools für die Selektion von neuen marktfähigen Apfel-, Birnen- und Aprikosensorten ein. Letztlich geht es darum, mit den Tools neue, gut schmeckende und zudem robuste Obstsorten zu züchten. Das Ziel sind Apfelsorten, die mit den heutigen Umweltbedingungen gut auskommen. Sie müssen also Hitze oder Kälte trotzen oder gegen Krankheiten und Schädlinge möglichst resistent sein.
Apfelschorf, Mehltau und Feuerbrand
Grosse Themen sind nach wie vor altbekannte Krankheiten wie Apfelschorf, Mehltau und Feuerbrand. Bei Apfelschorf und Feuerbrand ist die Resistenzzüchtung relativ weit. Dies gilt sowohl mit Bezug auf Resistenzquellen als auch im Hinblick auf molekulare Marker. Beim Mehltau ist es schwieriger, wo gute molekulare Marker für die Züchtung fehlen. Nochmals ein anderes Bild zeigt sich bei der Marssonina-Blattfallkrankheit, wo zunächst noch Resistenzquellen identifiziert werden müssen. Ein weiteres Thema sind Lagerkrankheiten.
Mit dem Einsatz der neuen Sorten sollte gemäss Patocchi eine bedeutende Reduktion der Pflanzenschutzmittel möglich sein. Gleichzeitig muss selbstverständlich die Qualität stimmen. Ein grosses Potenzial bei der Züchtung haben die neuen Züchtungstechnologien. Sie werden gemäss Patocchi die klassische Züchtung zwar nicht ersetzen, aber sie zumindest ergänzen. Dabei wird mit CRISPR/Cas sowohl am Ausschalten sogenannter Auffälligkeitsgene als auch cisgen am Einbau eines Apfel-eigenen Resistenzgens gearbeitet. Der Vorteil besteht insbesondere darin, dass das Einkreuzen von Resistenzen massiv beschleunigt werden kann.
Monitoring von Resistenzgenen
Patocchi beschäftigt sich seit seiner Dissertation mit Obstzüchtungen und ist besonders stolz auf die präzise Kartierung von mehreren Apfelschorf-Resistenzgenen im Erbgut des Apfels sowie auf die Entwicklung von molekularen Markern, mit denen die Vererbung beschleunigt werden kann. Ein wichtiger Forschungsfokus ist zudem das Monitoring von Resistenzzüchtungen: «Im Jahr 2009 habe ich die internationale Initiative Vinquest zur Überwachung der Resistenzdurchbrüche beim Apfelschorf ins Leben gerufen. Die 28 Partner aus 15 Ländern, die sich am Netzwerk beteiligen, haben 16 Apfelselektionen mit unterschiedlichen Apfelschorf-Resistenzgenen gepflanzt.» Ziel ist es da, die Resistenzgene zu identifizieren, die ihre Wirkung verlieren. Das gibt wichtige Hinweise für künftige Züchtungen.
Interessant ist auch die Aussage von Patocchi, dass sich die öffentliche Forschung von Agroscope primär an den Bedürfnissen der gesamten Öffentlichkeit orientieren sollte. Die Aussage steht im Gegensatz zu einer Bemerkung von Urs Niggli im «Schweizer Bauer», der in öffentlichen Geldern für Biozüchtungsprogramme ein Gegengewicht zu privaten Züchtungsprogrammen sieht. Aus ordnungspolitischer Sicht überzeugt die Orientierung am Gemeinwohl indes mehr als die Privilegierung bestimmter Labels, denn wenn staatliche Aktivitäten vor allem einem Akteur dienen, stellt sich die Frage der Wettbewerbsverzerrung.
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