Ernährungsinitiative: Wenn sich die Ziele gegenseitig aushebeln
Die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung» fordert einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Gleichzeitig verlangt sie drastische Einschränkungen beim Pflanzenschutz und die Förderung von samenfestem Saatgut. Dass dieser Spagat nicht aufgeht, bestätigt auch der Bundesrat: Ein höherer Selbstversorgungsgrad bei gleichzeitig starker Einschränkung des Pflanzenschutzes ist nicht realistisch.
Publiziert: 15.09.2026, 08:04 Uhr
Darum geht es
Unerreichbares Selbstversorgungsziel: Die Initiative fordert eine Steigerung des Selbstversorgungsgrads von heute 42,5 auf 70 Prozent, schränkt die dafür nötigen Produktionsmittel aber stark ein.
Zielkonflikt beim Pflanzenschutz: Der Bundesrat bestätigt in einer Antwort auf eine Interpellation von Mitte-Nationalrat Martin Candinas, dass ein höherer Selbstversorgungsgrad bei starken Pflanzenschutz-Einschränkungen nicht realistisch ist und die Ressourceneffizienz sinken würde.
Drohende Ernteausfälle: Kulturen wie Raps, Kartoffeln, Obst und Gemüse sind auf Pflanzenschutzmittel angewiesen. So erlitt der Baselbieter Landwirt René Ritter beim Kichererbsenanbau wegen fehlender Schutzmöglichkeiten innert drei Jahren zwei Totalausfälle.
Ertragsverlust durch Saatgut-Forderung: Die geforderte Umstellung auf samenfestes Saatgut senkt die Erträge, da verbreitete Hybridsorten durch den Heterosis-Effekt deutlich höhere Erträge liefern – bei Mais etwa um bis zu 30 Prozent. Das würde zu mehr Nahrungsmittelimporten und höheren Preisen für die Konsument:innen für Schweizer Retionalprodukte führen.
Fehlender Praxisbezug: Um die Forderungen ohne Ertragsverbesserungen umzusetzen, würde die Wahlfreiheit der Konsument:innen massiv eingeschränkt. Und der staatliche Eingriff in die Landwirtschaft würde noch grösser.
Kaum je hatte eine Volksinitiative parlamentarisch einen so schweren Stand wie die sogenannte «Ernährungsinitiative», über die am 27. September abgestimmt wird. Das Anliegen klingt auf den ersten Blick verlockend: Die Schweiz soll bei Lebensmitteln unabhängiger werden und den Selbstversorgungsgrad von heute 42,5 auf 70 Prozent steigern.
Doch beim Blick in den Initiativtext und auf die landwirtschaftliche Praxis zeigt sich schnell: Die Forderungen widersprechen sich grundlegend. Lanciert wurde sie von Franziska Herren, die bereits 2021 mit ihrer Trinkwasserinitiative an der Urne gescheitert ist. Schon dort wollte sie Pestizide reduzieren und es über Direktzahlungen lösen. Herren irrt sich. Die Annahme, dass Landwirte sich den Verzicht einfach mit Geld kompensieren lassen wollen, greift zu kurz. Bauer, Bäuerin sein heisst, Lebensmittel produzieren zu wollen und zu können.
Weniger Pflanzenschutz, mehr Ernte – wie soll das gehen?
Die Initiative will gleichzeitig den Anbau pflanzlicher Lebensmittel stärken und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch einschränken. Nur: Gerade Kulturen wie Raps, Kartoffeln, Obst und Gemüse sind auf wirksamen Pflanzenschutz angewiesen, um Ausfälle durch Schädlinge, Pilzkrankheiten oder Wetterextreme zu verhindern.
Der Bundesrat hat diesen Zielkonflikt in seiner Antwort auf eine Interpellation von Mitte-Nationalrat Martin Candinas selbst benannt: Ein höherer Selbstversorgungsgrad bei gleichzeitig starker Einschränkung des Pflanzenschutzes sei nicht realistisch. Zusätzlich, so der Bundesrat weiter, würde die Ressourceneffizienz sinken – also der Ertrag im Verhältnis zu eingesetzten Mitteln wie Fläche, Arbeit, Wasser und Dünger.
Welche Konsequenzen fehlende Pflanzenschutzmittel für Schweizer Produzenten haben, zeigt das Beispiel des Baselbieter Landwirts René Ritter beim Anbau von Proteinpflanzen: Wegen fehlender wirksamer Schutzmittel erlitt er beim Kichererbsenanbau in drei Jahren zwei Totalausfälle. Statt der erwarteten Ernte von zwei bis drei Tonnen konnte er zuletzt gerade einmal eine Schubkarre voll ernten.
Der Saatgut-Widerspruch: weniger Ertrag bei mehr Anspruch
Der zweite, oft übersehene Widerspruch betrifft das Saatgut. Die Initiative fordert die Förderung von «natürlichem, samenfestem Saat- und Pflanzgut» – also Sorten, deren Saatgut Landwirtinnen und Landwirte selbst weitervermehren können. Das Argument der Initiantin Franziska Herren: Ein wachsender Teil des importierten Saatguts besteht aus nicht nachbaufähigen Hybridsorten, die jedes Jahr neu gekauft werden müssten. Mehr samenfestes Saatgut, so ihre Logik, stärke die Unabhängigkeit der Lebensmittelversorgung. Und impliziert, dass Landwirte ihr Saatgut selber vermehren wollen.
Das Problem: Hybridsorten bringen dank des sogenannten Heterosis-Effekts deutlich höhere Erträge als samenfeste Sorten – bei Mais etwa bis zu 30 Prozent mehr. Deshalb sind sie beim Anbau von Mais, Zuckerrüben, Raps und vielen Gemüsesorten in der Schweiz längst Standard. Landwirte – ob Bio oder konventionell – sind nicht darauf aus, ihr Saatgut selber zu vermehren, auch wenn sie das gemäss Sortenschutzrecht für den Eigengebrauch dürfen. Sie brauchen hohe Saatgutqualität und setzen daher auf zertifiziertes Saatgut spezialisierter Züchtungsunternehmen. Würde man samenfestes Saatgut generell stärker fördern, sänke der Gesamtertrag der Schweizer Landwirtschaft und mit ihm das landwirtschaftliche Einkommen und der Selbstversorgungsgrad, den die Initiative doch eigentlich erhöhen will. Hybridsorten sind dabei keineswegs umweltschädlich – im Gegenteil: Sie helfen durch ihre hohen Erträge, den Flächenbedarf pro produzierter Tonne Lebensmittel kleiner zu halten und natürliche Ressourcen zu schonen.
Die Motive hinter der Forderung sind nachvollziehbar: Unabhängigkeit von globalen Saatgutkonzernen, Erhalt genetischer Vielfalt. Nur lässt sich dieses Ziel nicht kostenlos erreichen – der Preis dafür ist ein tieferer Ertrag, und damit das Gegenteil dessen, was die Initiative verspricht. Kurz und knapp: Die Initiative ist unehrlich. Man verspricht dem Volk etwas, überlässt die Umsetzung und Adressierung der Zielkonflikte dann aber dem Gesetzgeber.
Auch Nebelspalter-Redaktor Alex Reichmuth bringt die Problematik auf den Punkt: Eine Steigerung des Selbstversorgungsgrads auf 70 Prozent bei gleichzeitigen Auflagen liesse sich allenfalls dann erzwingen, wenn grosse Bevölkerungsteile zu einer rein veganen Ernährung wechseln würden. Das geht nicht nur an den tatsächlichen Konsumbedürfnissen vorbei, sondern schränkt auch die Wahlfreiheit der Bürgerinnen und Bürger massiv ein.
Ins gleiche Horn bläst auch SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh. Bei der Ernährungsinitiative handelt es sich um einen Etiketten-Schwindel. «Auf den ersten Blick klingt die Initiative sympathisch. Doch am Schluss bringt sie genau das Gegenteil. Denn eine staatliche Vorgabe, vor allem pflanzlich zu essen und zu produzieren, ist kontraproduktiv», schreibt er auf Nau.ch. Gerade in den Bergregionen seien Nutztiere ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Ernährung. Sie leisten einen essenziellen Beitrag zur Versorgungssicherheit, zur Pflege unserer Kulturlandschaft und zum Erhalt der Berggebiete.
Mehr Ackerflächen für Nahrungsmittel statt für tierisches Futter zu nutzen, findet auch Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbands, unsinnig, so der Mitte-Nationalrat gegenüber «10 vor 10». Die Folgen einer Annahme der Ernährungsinitiative wären eine Schwächung der inländischen Land- und Ernährungswirtschaft sowie eine Verteuerung der Lebensmittel. Praktisch alle Landwirtschaftsverbände schliessen sich dem Nein des Bauernverbands an. Lediglich BioSuisse und die Kleinbauern haben Stimmfreigabe beschlossen. Das ist insbesondere erstaunlich, weil gerade die Bio-Landiwirtschaft auf Gülle als Dünger angewiesen ist, weil Kunstdünger nicht erlaubt ist.
Innovation und Nachhaltigkeit statt Antiliberalismus
Die Ernährungsinitiative verfolgt romantische, aber in der Praxis kaum umsetzbare Ansätze. Für eine tatsächliche Stärkung unserer Ernährungssicherheit braucht es genau das Gegenteil: Technologieoffenheit, zielgerichtete Innovation in der Pflanzenzüchtung, praxisnahen Pflanzenschutz und eine marktorientierte Agrarpolitik (AP2030+). Nur so können die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit miteinander verbunden werden.
Über swiss-food.ch
swiss-food.ch ist eine Informationsplattform der forschenden Lebensmittel- und Agrartechnologiebranche und bündelt faktenbasierte Inhalte zu Ernährung, Landwirtschaft, Pflanzenschutz und Biotechnologie. Die Beiträge werden redaktionell aufbereitet, die verwendeten Quellen sind im Text verlinkt. Getragen wird die Plattform durch Syngenta und Bayer.
Schlagworte: Ernährungsinitiative · Selbstversorgungsgrad · Pflanzenschutz · Saatgut · Hybridsorten · Ernährungssicherheit · Franziska Herren · Agrarpolitik
Was fordert die Ernährungsinitiative?
Die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung» fordert eine Erhöhung des Schweizer Selbstversorgungsgrads auf 70 Prozent bei gleichzeitigem Verzicht auf wirksamen Pflanzenschutz und der Förderung von samenfestem Saatgut.
Warum ist ein höherer Selbstversorgungsgrad mit weniger Pflanzenschutz laut Bundesrat unrealistisch?
Kulturen wie Raps, Kartoffeln, Obst und Gemüse benötigen Schutzmittel gegen Schädlinge und Krankheiten. Fehlen diese, sinken die Erträge und die Ressourceneffizienz, was das Ziel eines höheren Selbstversorgungsgrads untergräbt.
Was ist der Unterschied zwischen samenfestem Saatgut und Hybridsorten?
Samenfestes Saatgut kann von Landwirten selbst weitervermehrt werden, bringt aber oft geringere Erträge. Hybridsorten nutzen den Heterosis-Effekt und liefern beispielsweise bei Mais bis zu 30 Prozent mehr Ertrag.
Welche praktischen Folgen hat das Fehlen von Schutzmitteln für Landwirte?
Ohne wirksamen Pflanzenschutz drohen massive Ernteausfälle. Ein Beispiel ist der Baselbieter Landwirt René Ritter, der beim Kichererbsenanbau mangels Schutzmitteln innert drei Jahren zwei Totalausfälle erlitt.
Was fordert die Agrarwirtschaft statt der Ernährungsinitiative?
Gefordert werden Technologieoffenheit, zielgerichtete Innovation in der Pflanzenzüchtung, praxisnaher Pflanzenschutz und eine marktorientierte Agrarpolitik (AP2030+), um Ökologie und Ökonomie nachhaltig zu verbinden.
Sources
Ähnliche Artikel
Weniger als 50 Prozent: Wie die Schweiz ihre Selbstversorgung verspielt
Die Schweizer Landwirtschaft steht massiv unter Druck. Wetterextreme, Schädlinge und immer strengere Auflagen setzen den Produzenten zu. Die Folge: Der Selbstversorgungsgrad sinkt dramatisch – besonders bei pflanzlichen Lebensmitteln. Um die Ernährungssicherheit in der Schweiz sicherzustellen, braucht es dringend wirksame Pflanzenschutzmittel.
Gesund essen propagieren und regionalen Anbau verhindern
Ernährungsempfehlungen und Landwirtschaftspolitik im Widerspruch: Der Bund will, dass wir mehr Früchte, Gemüse und pflanzliche Proteine essen. Gleichzeitig verunmöglicht er den Bauern jedoch den Schutz ihrer Kulturen.
Superfood mit Ecken und Kanten
Die Süsslupine ist Biovisions «Superfood des Jahres 2026». Sie liefert viel Protein, verbessert Böden und fördert die Biodiversität. Doch der Blick auf die Praxis zeigt: Ohne Züchtung, Pflanzenschutz und Innovation bleibt auch dieses Superfood eine Herausforderung.
Sicherheitsrisiko Teller: «Wir sind äusserst angreifbar»
Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz ist rückläufig und deckt nicht einmal mehr die Hälfte unseres Bedarfs. Für SVP-Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger ist klar, dass die Versorgungssicherheit endlich als Teil der nationalen Sicherheit begriffen werden muss. Im Interview mit swiss-food erklärt er, weshalb er mit seiner neuen Motion die Ernährungssicherheit und regionale Verarbeitungsstrukturen im Fundament der Schweizer Sicherheitspolitik 2026 verankern will.
Wissenschaftlich bewerten statt pauschal verbieten
Die Diskussion um PFAS gewinnt in der Schweiz an Dynamik. Im Zentrum stehen Fragen zu möglichen Gesundheits- und Umweltrisiken sowie der künftigen Regulierung. Dabei ist ein differenzierter, wissenschaftsbasierter Ansatz zentral – darauf weist scienceindustries im Rahmen eines Kurzinterviews mit Dominique Werner, Leiter Chemikalienregulierung, hin.
Schnellere Zulassung für Pflanzenschutzmittel längst überfällig
Die Schweiz verbietet fleissig Wirkstoffe, die auch in der EU vom Markt genommen werden. Umgekehrt steht sie auf der Bremse: Moderne Mittel, die in Nachbarländern zugelassen sind, bleiben blockiert. Mit der Annahme der Änderung des Landwirtschaftsgesetzes hat der Nationalrat nun aber einen wichtigen Schritt für die schnellere Zulassung von Pflanzenschutzmitteln getan.
Unterschiedliche Wahrnehmungen
Während die zunehmende administrative Belastung in der Wirtschaft als Hauptsorge wahrgenommen wird, sehen es Teile der Bevölkerung anders. Derweil werden Regulierungen immer wieder auch als Machtmittel im Konkurrenzkampf missbraucht – zum Leidwesen der KMU.