Superfood mit Ecken und Kanten

Superfood mit Ecken und Kanten

Die Süsslupine ist Biovisions «Superfood des Jahres 2026». Sie liefert viel Protein, verbessert Böden und fördert die Biodiversität. Doch der Blick auf die Praxis zeigt: Ohne Züchtung, Pflanzenschutz und Innovation bleibt auch dieses Superfood eine Herausforderung.

Montag, 19. Januar 2026

Es gibt einen neuen Stern am Superfood-Himmel: Biovision hat die Süsslupine zum «Superfood des Jahres 2026» gekürt, wie der Schweizer Bauer berichtet. Die eiweissreiche Hülsenfrucht gilt als Hoffnungsträger für eine nachhaltigere Ernährung und Landwirtschaft.

Mit einem Proteingehalt von rund 40 Prozent gehört die Süsslupine zu den eiweissreichsten pflanzlichen Lebensmitteln überhaupt. Ihr Protein ist hochwertig und enthält alle essenziellen Aminosäuren. Dazu kommen Ballaststoffe, ungesättigte Fettsäuren und ein geringer Kohlenhydratanteil. Auch auf dem Feld überzeugt die Pflanze. Ihre tiefen Pfahlwurzeln lockern schwere Böden, verbessern die Wasseraufnahme bei Starkregen und erhöhen die Wasserspeicherfähigkeit in Trockenperioden. Auch für die Biodiversität ist die Süsslupine ein Gewinn. So erfreuen sich Wildbienen und Hummeln besonders an ihren grossen Blüten und dem wertvollen Pollen.


Natürlich nicht gleich harmlos

So überzeugend die Vorteile sind: Die Süsslupine hat auch ihre Schattenseiten. Eine zentrale Herausforderung sind ihre Bitterstoffe, genauer gesagt Alkaloide. Diese stickstoffhaltigen Naturstoffe dienen der Pflanze als natürlicher Schutz vor Frassfeinden. Für Mensch und Tier sind sie jedoch giftig.

Damit ist die Lupine ein Paradebeispiel für einen verbreiteten Mythos: «Natürlich ist gesund, Chemie ist Gift». Während synthetische Pflanzenschutzmittel oft pauschal verteufelt werden, werden pflanzeneigene Gifte häufig unterschätzt. Und anders als natürliche Gifte gehören Pflanzenschutzmittel zu den am besten untersuchten Stoffen und Synthetik bietet auch viele Vorteile.

Dank Züchtung sind Süsslupinen heute deutlich alkaloidärmer als ihre wilden Verwandten. Dennoch sind sie nicht vollständig risikofrei. Umweltstress, Krankheiten oder Standortfaktoren können dazu führen, dass der Alkaloidgehalt wieder ansteigt. In der Praxis müssen deshalb immer wieder ganze Ernteposten deklassiert werden.


Verbesserung dank Züchtung

Dass Süsslupinen heute überhaupt als Lebensmittel infrage kommen, ist das Resultat jahrzehntelanger Züchtungsarbeit. Ein wichtiger Beitrag kommt von einem staatlich subventionierten Forschungsprojekt. So arbeitete das FiBL im Projekt LUPINNO SUISSE an neuen Sorten mit niedrigem Alkaloidgehalt und verbesserter Toleranz gegenüber der Brennfleckenkrankheit Anthraknose. Diese kann nämlich zu Totalausfall führen.

Nach Abschluss des FiBL-Projekts wird diese Arbeit nun von der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) weitergeführt. Ziel ist es, das erarbeitete Grundlagenwissen und die ersten Sortenversuche langfristig in ein Schweizer Züchtungsprogramm zu überführen.

Dabei bleibt die Anthraknose eine der grössten Herausforderungen. Gleichzeitig setzt die GZPK verstärkt auf markergestützte Selektion, da die Anfälligkeit für hohe Alkaloidgehalte genetisch bedingt ist. Molekulare Marker sind eindeutig identifizierbare, kurze DNA-Abschnitte, deren Ort im Genom bekannt ist. Zwar existiert bereits ein Marker für niedrige Giftwerte, doch dieser gilt als wenig zuverlässig, weil gestresste Pflanzen dennoch Alkaloide bilden können. Neu wird deshalb mit einem zweiten Marker gearbeitet. Durch die Kreuzung von Linien mit beiden genetischen Merkmalen sollen Sorten entstehen, die dauerhaft tiefere Alkaloidgehalte aufweisen – auch unter Stressbedingungen.

Das Beispiel zeigt: Für die sichere Produktion leistungsfähiger Kulturen ist Züchtung unabdingbar. Gleichzeitig braucht es auch private Innovationen. Start-ups und Unternehmen entwickeln aus Lupinen neue Lebensmittel – etwa pflanzliche Fleischalternativen. Damit sich solche Investitionen lohnen, braucht es jedoch Patente. Sie schützen Innovationen, schaffen Investitionssicherheit und ermöglichen den Transfer von Forschung in marktfähige Produkte. Luya, ein patentiertes pflanzenbasiertes Bio-Lebensmittel, macht es vor. «Dass Luya so saftig und lecker auf deinem Teller landet, liegt an unserem patentierten Herstellungsverfahren», schreibt das Spin-off der Berner Fachhochschule auf seiner Website.

Trotz aller Fortschritte bleibt der Anbau von Süsslupinen anspruchsvoll. Krankheiten wie die Anthraknose können zu hohen Ertragsverlusten bis zum Totalausfall führen. Hinzu kommen Spätverunkrautung, schwankende Erträge von meist 2 bis 4 Tonnen pro Hektar und eine oft geringe Wirtschaftlichkeit. Diese Realität macht deutlich: Auch ein Superfood ist keine Selbstläufer-Kultur und für die anbauenden Landwirte mit Risiken verbunden.


Ohne Pflanzenschutz geht es nicht

Pflanzenschutzmittel sind auch bei Süsslupinen unverzichtbar. Das belegt die umfangreiche Liste der in der Schweiz zugelassenen Mittel. Besonders bei invasiven Lupinenarten sind gezielte Herbizide notwendig, um deren Ausbreitung und damit Schäden an Landwirtschaft und Umwelt zu verhindern.

Die Süsslupine hat grosses Potenzial – für Ernährung, Boden und Biodiversität. Ihr Erfolg beruht jedoch nicht auf Naturromantik, sondern auf Züchtung, Pflanzenschutz und Innovation. Nachhaltigkeit entsteht dort, wo Wissenschaft und Praxis zusammenspielen.

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