Kartoffelernte auf Rekordtief, und beim Bund herrscht Stillstand

Kartoffelernte auf Rekordtief, und beim Bund herrscht Stillstand

Der Hitzesommer 2026 hat der Schweizer Kartoffel so stark zugesetzt wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Branche fordert deshalb raschere Fortschritte bei resistenten Sorten – und Zugang zu neuen Züchtungstechnologien, wie sie die EU bereits schrittweise erlaubt. Der Bundesrat lässt sich mit der entsprechenden Gesetzesvorlage derweil Zeit bis 2027.

Publiziert: 15.09.2026, 11:03 Uhr | Aktualisiert: 28.09.2026, 09:08 Uhr

Darum geht es

  • Historisches Erntetief: Der Hitzesommer 2026 führte bei Schweizer Kartoffeln zu einem Ertragsrückgang von rund 20 Prozent pro Hektare. Seit Beginn der Aufzeichnungen vor hundert Jahren wurden in absoluten Zahlen noch nie so wenig Kartoffeln geerntet.
  • Einbruch beim Selbstversorgungsgrad: Um die Ertragslücken zu schliessen, müssen laut Branchenverband Swisspatat rund 130'000 Tonnen Kartoffeln importiert werden. Der Selbstversorgungsgrad fiel von üblicherweise 85 Prozent auf knapp über 70 Prozent.
  • Forderung nach resilienten Sorten: Aufgrund von Wassermangel und Hitze benötigt die Landwirtschaft rasch widerstandsfähigere Kartoffelsorten. Die Branche strebt bis 2040 einen Anteil von 80 Prozent resilienter Sorten an.
  • Zielkonflikt bei Züchtungstechnologien: Da traditionelle Züchtungen bis zu 15 Jahre dauern, fordert die Branche den Zugang zu neuen Züchtungsmethoden. Während die EU den Anbau und Verkauf genomeditierter Pflanzen schrittweise legalisiert, scheint es der Bundesrat wenig eilig zu haben. Er hat eine Gesetzesvorlage auf 2027 verschoben.

Dass ausgerechnet Anfang September in der Wasserkirche der Stadt Zürich über die Folgen des Sommers 2026 für den Kartoffelanbau informiert wird, könnte kaum ironischer sein. War es doch just das fehlende Wasser, das der Kultur in diesem Hitzesommer arg zugesetzt hat. Und vor über hundert Jahren, während des Ersten Weltkriegs, diente die Kirche zwischenzeitlich sogar als Kartoffellager. Die Knolle und diese Kirche – das passt.


Importe stopfen Ertragslücken

Weniger passend ist die diesjährige Erntebilanz. Die Landwirte verzeichneten rund 20 Prozent tiefere Erträge pro Hektare als im Frühjahr geschätzt. Zuletzt lag dieser Wert 1965 so tief. Wie die NZZ schreibt, wurden in absoluten Zahlen seit Beginn der Aufzeichnungen vor hundert Jahren noch nie so wenig Kartoffeln geerntet. Die Trockenheit setzte der Kartoffel derart zu, dass laut Branchenverband Swisspatat rund 130'000 Tonnen aus dem Ausland importiert werden müssen. Der Selbstversorgungsgrad sackte von den üblichen 85 Prozent auf knapp über 70 Prozent ab. Christian Bucher, Geschäftsführer von Swisspatat, zeigte sich gegenüber SRF dennoch zuversichtlich, dass die Versorgung sichergestellt werden kann. Sichtbar wird die schlechte Ernte vor allem an der Grösse: Weil die Knollen kleiner ausfallen als üblich, könnten Pommes frites und Chips dieses Jahr kürzer werden. Immerhin ein Lichtblick: Die Qualität der Ernte ist sehr gut.


Die Kartoffel muss resilienter werden

Alles halb so wild also? Nicht wirklich. Mit Blick auf die Zukunft ist nämlich klar: Auch die Schweiz braucht Sorten, die mit den sich wandelnden Umweltbedingungen besser zurechtkommen – und zwar schnell. Der Sommer 2026 hat gezeigt, dass bewässerte Kulturen rund doppelt so hohe Erträge lieferten wie unbewässerte. Wasser wird für die Produktion also immer wichtiger. Nur ist Wasser eben zunehmend Mangelware.

Umso entscheidender wird die Züchtung resilienter Sorten, die besser mit Trockenheit und Hitze zurechtkommen – reagiert die Knolle doch sehr empfindlich auf beides. Die Branche hat deshalb 2024 mit dem Bund eine Zielvereinbarung unterzeichnet: Der Anteil resilienter Sorten soll von heute 20 auf 80 Prozent im Jahr 2040 steigen.


Der Bundesrat vertröstet

Das Problem: Die traditionelle Züchtung robuster Sorten dauert bis zu 15 Jahre – Zeit, die eigentlich fehlt. Wenig überraschend spricht sich der Branchenverband deshalb dafür aus, auch in der Schweiz Sorten anzubauen, die mit den neuen Züchtungsmethoden entwickelt wurden. Bislang ist dies jedoch verboten. 2024 beauftragte das Parlament den Bundesrat, eine entsprechende Gesetzesvorlage auszuarbeiten. Doch dieser scheint es damit wenig eilig zu haben und vertröstet auf 2027.

Gerade weil die EU in dieser Frage vorwärtsmacht, ist die Verzögerung nicht nur für die Kartoffelbauern ärgerlich. In der EU werden Anbau und Verkauf genomeditierter Pflanzen in den nächsten Jahren schrittweise legalisiert. In der NZZ bringt es Swisspatat-Geschäftsführer Bucher entsprechend auf den Punkt: Wolle man auch künftig eine hohe Versorgungssicherheit mit Schweizer Kartoffeln garantieren, müsse man bei den neuen Züchtungstechnologien mit der EU Schritt halten können.


Es führt kein Weg an den neuen Züchtungsmethoden vorbei

Dieses Jahr muss die Schweiz bereits einen Viertel der Kartoffeln importieren, ein Grossteil davon aus der EU – und vieles spricht dafür, dass dies auch in den kommenden Jahren so bleibt. Werden bei unseren Nachbarn dereinst robustere, geneditierte Kartoffeln geerntet, die sich nicht von natürlich entstandenen unterscheiden lassen, dürfte es für die hiesigen Importeure zu einer kaum lösbaren Aufgabe werden, deren Einfuhr auszuschliessen – zumal es in der EU keine Kennzeichnungspflicht dafür geben wird, eben weil sich diese Sorten von konventionell gezüchteten nicht unterscheiden lassen.

Fazit: Wenn der Selbstversorgungsgrad mit Kartoffeln wieder erhöht werden soll, müssen neue Züchtungsmethoden auch in der Schweiz erlaubt sein. Und das Gleiche gilt, wenn Ertragslücken mit Importen gefüllt werden sollen, will man auch künftig importieren können. Noch grösser ist der Abstand des selbstgefälligen Innovationsweltmeisters Schweiz zu Grossbritannien, das den Anbau genomeditierter Nutzpflanzen bereits 2023 zuliess.

Vielleicht sollte man in der Wasserkirche künftig nicht nur über Kartoffeln informieren, sondern gleich auch ein Gebet einlegen für die Forschung in der Schweiz, die unter immensen Auflagen an der Verbesserung der Kartoffeln mittels neuer Züchtungsmethoden arbeitet, und hofft, dass ihre Forschung irgendwann auch den Nutzen auf den Schweizer Feldern zeigen kann – wenn die Flamme der Erleuchtung dann auch im Schweizer Bundesrat angekommen ist.

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Schlagworte: Kartoffelernte · Hitzesommer 2026 · Selbstversorgungsgrad · Swisspatat · Resiliente Sorten · Neue Züchtungsmethoden · Genomeditierung · Bundesrat

Wie stark ist die Schweizer Kartoffelernte 2026 ausgefallen?

Die Erträge lagen rund 20 Prozent unter den Schätzungen des Frühjahrs. Laut NZZ gab es in absoluten Zahlen seit Beginn der Aufzeichnungen vor hundert Jahren noch nie so wenige Kartoffeln in der Schweiz.

Warum sinkt der Selbstversorgungsgrad bei Kartoffeln?

Aufgrund des extremen Hitzesommers 2026 und der Trockenheit müssen rund 130'000 Tonnen Kartoffeln importiert werden. Dadurch sinkt der Selbstversorgungsgrad von üblicherweise 85 Prozent auf knapp über 70 Prozent.

Welche Zuchtziele verfolgt die Schweizer Landwirtschaft bei Kartoffeln?

In einer Zielvereinbarung mit dem Bund strebt die Branche an, den Anteil klimaresilienter Kartoffelsorten von heute 20 Prozent bis zum Jahr 2040 auf 80 Prozent zu steigern.

Warum fordert der Branchenverband Swisspatat neue Züchtungsmethoden?

Traditionelle Züchtungsmethoden dauern bis zu 15 Jahre. Um rasch Sorten anzubauen, die Hitze und Trockenheit trotzen, fordert die Branche den rechtlichen Zugang zu neuen Züchtungsverfahren.

Wie ist der Zeitplan des Bundesrats bei neuen Züchtungstechnologien?

Obwohl das Parlament den Bundesrat beauftragte, bis 2024 eine Gesetzesvorlage auszuarbeiten, will der Bundesrat einen Entwurf nun erst 2027 vorlegen. Dies führt zu Verzögerungen im Vergleich zur EU, welche genomeditierte Pflanzen schrittweise zulässt. Noch grösser ist der Rückstand der Schweiz gegenüber Grossbritannien, das den Anbau genomeditierter Nutzpflanzen bereits 2023 zuliess.

Welche Folgen hat die EU-Regulierung für Schweizer Importe?

Da in der EU genomeditierte Sorten künftig ohne Kennzeichnungspflicht angebaut werden können, lassen sich Importe aus der EU nicht mehr von konventionellen Kartoffeln unterscheiden.

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