Legionellen, Japankäfer und Marktturbulenzen: Die vielen Gesichter des trockenen Hitzesommers 2026

Hitze und Trockenheit sind längst nicht mehr nur unangenehm – sie werden zur Bedrohung, und zwar an ganz unterschiedlichen Stellen: bei der Kühlung, in den Stallungen, auf dem Feld und mittlerweile auch im Portemonnaie. Der Sommer 2026 zeigt das exemplarisch.

Montag, 24. August 2026

Seit kurzem ist es offiziell: Der Sommer 2026 wird als einer der heissesten in der Schweiz in die Geschichtsbücher eingehen – und es ist zu befürchten, dass solche Hitzeperioden künftig häufiger werden. Das ist keine gute Aussicht, vor allem für ältere Menschen: Die Belastung des Herzkreislaufsystems durch die Hitze ist hier eine ernsthafte Gefahr.

Doch die Hitze setzt uns auch indirekt zu – über Infektionskrankheiten, die von länger anhaltenden warmen Temperaturen begünstigt werden. Aktuelles Beispiel: In Kleinbasel steckten sich mittlerweile 28 Personen mit Legionellen an, eine Person starb. Ausgangspunkt war ein Kühlturm auf einem Dach, der das Bakterium über Wassertröpfchen in die Luft abgab.

Für den Mikrobiologen Hubert Hilbi (Universität Zürich) ist das kein Zufall: Legionellen vermehren sich optimal bei 25 bis 40 Grad, und die Fallzahlen steigen seit zwanzig Jahren jährlich um rund 10 Prozent. Sein Fazit: «Das Jahr 2026 bildet erst den Anfang einer Zunahme an Krankheiten, die übers Wasser übertragen werden.» Die Schweiz hat das Legionellenproblem gemäss NZZ zu lange vernachlässigt.


Auch die europäische Gesundheitsbehörde schlägt Alarm

Dass Basel kein Einzelfall ist, zeigt auch eine Meldung des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) von Ende Juli: Nicht die einzelnen Hitzewellen seien das Problem, sondern die durchgehend höheren Temperaturen über immer längere Zeiträume. Betroffen sind laut ECDC vor allem vier Bereiche – lebensmittelbedingte Erkrankungen durch schnelleres Bakterienwachstum, von Mücken übertragene Krankheiten wie Dengue oder West-Nil-Virus, Zeckenkrankheiten wie FSME und Borreliose durch längere Zeckensaisons sowie Vibriose in warmen, wenig salzhaltigen Küstengewässern. Die Behörde fordert deshalb eine engere Zusammenarbeit zwischen Human-, Tier- und Umweltgesundheit.


Hitzestress an allen Fronten

Die Pflanzenkulturen stehen unter Stress. So fühlt sich beispielsweise der eingewanderte Japankäfer, der ganze Kulturen kahlfressen kann, laut Timo Börker vom Kantonalen Pflanzenschutzdienst Basel-Stadt bei Temperaturen zwischen 21 und 35 Grad am wohlsten. Ob die Hitze aber rundweg positiv für den Schädling ist, muss sich noch zeigen. Die Larven dürften wegen der Trockenheit Probleme bekommen. Welcher Effekt überwiegt, wird sich erst in der kommenden Saison feststellen lassen.

Aktuell erkranken in der Schweiz viele Kühe an einer Krankheit, die Fieber, Durchfall usw. auslöst. In vielen Fällen führt dies zum Tod des Tieres. Anfang August kam man der Ursache auf die Schliche: Es dürfte das sogenannt Orthobunyavirus sein, das mit dem in der Schweiz bereits 2012 aufgetretenen Schmallenberg-Virus verwandt ist. Übertragen wird der Erreger durch Gnitzen der Gattung Culicoides, kleine Stechmücken, gegen die sich Ställe kaum abdichten lassen. Diese Krankheitswelle fällt nun gerade in eine Zeit, wo der Schweizer Fleischmarkt wegen der Trockenheit ohnehin unter Druck ist.

Das eigentliche Problem ist dabei laut Recherchen der BauernZeitung gar nicht primär das Virus, sondern das fehlende Futter: Weil der Graswuchs stockt, verfüttern viele Betriebe schon jetzt die für den Winter vorgesehenen Vorräte und müssen entscheiden, ob sie Futter teuer zukaufen oder Tiere frühzeitig schlachten. Im Juni und Juli wurden deshalb laut Proviande rund 7000 Kühe mehr geschlachtet als im Vorjahr, der Kuhbestand ist auf den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 2010.

Die Rekord-Schlachtzahlen spiegeln sich auch nun in den sinkenden Preisen, die die Landwirte für die Notschlachtungen ihrer (magereren) Kühe erzielen, wie die NZZ berichtet. Der Bund reagierte mit Nothilfe (volle Direktzahlungen trotz Trockenheit, zinsfreie Darlehen, tiefere Importzölle), und der Bauernverband warnt, langfristig stehe die Versorgungssicherheit auf dem Spiel. Peter Bosshard, Geschäftsführer des Schweizerischen Viehhändler-Verbands, fasst die Situation wie folgt zusammen: Halten Hitze, Trockenheit und die Viruskrankheit bis Ende August an, dann werde die Lage noch schwieriger. Der Verband schweizerischer Gemüseproduzenten (VSGP) fordert, dass die gestiegenen Produktionskosten und die hitzebedingt geringeren Mengen vom Markt abgegolten werden müssten, da durch die ausserordentliche Situation die wirtschaftliche Tragfähigkeit vieler Gemüsebaubetriebe gefährdet sei.


Gesamtwirtschaftliche Folgen

Wie das Portal Table.Briefings schreibt, dürfte die Getreideernte europaweit im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent zurückgehen. Die Österreichische Hagelversicherung geht gemäss dem Portal von Dürreschäden in der Landwirtschaft von einer Milliarde Euro aus, viermal mehr als im bisherigen Rekordjahr 2018. Die Einbussen in der Landwirtschaft sind dabei nur ein Teil eines grösseren volkswirtschaftlichen Schadens: Die Triodos Bank beziffert den hitzebedingten Wachstumsverlust für die ganze EU in diesem Jahr auf rund ein Prozent des BIP, umgerechnet 180 Milliarden Euro, wobei Gesundheitskosten und Sachschäden wie Waldbrände darin nicht einmal eingerechnet sind. Besonders betroffen ist Deutschland, wo der tiefe Rheinpegel das BIP je nach Schätzung um 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte drücken dürfte und der Versicherer Allianz Trade bereits von «einem strukturellen wirtschaftlichen Schock» spricht.

Die Trockenheit schlägt sich verzögert auch auf den Lebensmittelpreisen nieder. Wie SRF berichtet, reagieren die Ladenpreise auf Ernteausfälle typischerweise erst mit einem Jahr Verspätung. «Was die Preise in diesem Jahr bestimmt, sind die Ereignisse des letzten Jahres», erklärt Ökonom Tomas Dvorak von Oxford Economics gegenüber SRF – die diesjährige, rund zehn Prozent kleinere Getreideernte dürfte sich deshalb erst 2027 an der Kasse zeigen. Klimaforscher Max Kotz rechnet wegen der noch höheren Temperaturen mit einem stärkeren Preisschub als im Vorjahr, und Dvorak erwartet gar, dass diese «Klimaflation» die Inflation schon bald stärker antreibt als geopolitische Krisen. Anpassungen in der Landwirtschaft könnten die Folgen dämpfen, das Grundproblem aber nicht lösen.

Ob Legionellenbakterium, Kuh-Sepsis, Japankäfer oder «Klimaflation»: Die Beispiele zeigen, dass Hitze nicht nur unmittelbar auf den menschlichen Körper wirkt, sondern über komplexe biologische und ökonomische Systeme – Wasser, Tier, Pflanze, Markt – indirekt neue Risiken schafft. Wer bei Züchtung und Pflanzenschutz, in der Tierhaltung und in der Preispolitik nicht rechtzeitig auf wärmere, trockenere Bedingungen reagiert, wird sich mit denselben Fragen bald wieder auseinandersetzen müssen – und zwar nicht nur einmal im Jahrzehnt, sondern regelmässig.

Neben Nothilfe und neuen Sortenprüfungen setzen auch die forschenden Agrarunternehmen auf Antworten gegen Hitze und Trockenheit – von Biostimulanzien bis zu genom-editierten Sorten. In der Schweiz erhältlich ist etwa ein Biostimulanz-Präparat namens Megafol, das Kulturen bei starker Sonneneinstrahlung, Hitze und Trockenheit helfen soll, Stress abzufedern; auch eine Maissorte namens Artesian ist hierzulande verfügbar, die dank effizienterer Wassernutzung in Trockenperioden stabilere Erträge liefern soll.

Der Wirkstoff Anisiflupurin wiederum soll laut in Fachzeitschriften veröffentlichten Feldversuchen die Pollenentwicklung von Reis unter Hitzestress schützen und so Ertragseinbussen verringern. Längerfristig setzen Forschung und Industrie zudem auf genom-editierte Sorten, die von Grund auf hitze- und trockenheitsresistenter gezüchtet werden.

Generell geht es auch darum, die Anpassungsfähigkeit der Nutzpflanzen an den Klimawandel zu verbessern. Leider glänzt die Schweiz hier nicht gerade mit Mut und Schnelligkeit bezüglich der Zulassung neuer Instrumente. So ist eine von Agroscope genutzte und vom Schweizer Start-up Epibreed patentierte Methode, TEgenesis®, von den Behörden als Gentechnik qualifiziert worden, obwohl mit Unterstützung von zwei Molekülen lediglich ein natürlicher Anpassungsmechanismus in der Pflanze für eine begrenzte Zeit aktiviert wird. Die Pflanze “erinnert” sich dann bei späterem Hitzestress daran und aktiviert den Anpassungsmechanismus.

Auch in den Gewächshäusern der Universität Wageningen simulieren Wissenschafter Umweltbedingungen wie Dürren, tropische Luftfeuchtigkeit oder frostige Nächte und überwachen die Pflanzen mithilfe verschiedener Technologien und stossen auf viel Skepsis. Alan Pauls, Doktorand Universität Wageningen kommentiert: "Glauben wir, Pflanzen seien künstlich, weil eine Maschine eingesetzt wird? Glauben wir, sie seien künstlich, weil es so schnell geschieht oder in einem Labor stattfindet? Ich kann Reis noch immer mit einer Sichel ernten, aber wird das ausreichen, um rechtzeitig eine Milliarde Menschen zu ernähren? - Nein."

Fazit: Die Herausforderungen von heute lassen sich nicht einfach mit den Methoden von gestern lösen. Es braucht auch in der technologieskeptischen Schweiz die Erkenntnis, dass eine nachhaltige Landwirtschaft auf innovative Lösungen angewiesen ist.

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Schlagworte: Hitzesommer 2026 · Trockenheit · Legionellen · Japankäfer · Futterkrise · Klimaflation · Neue Züchtungstechnologien · Biostimulanzien

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