Tomaten auf den Augen
Die eingereichte «Lebensmittelschutz-Initiative» fordert «gentechnikfreie Lebensmittel». Abgesehen von dieser illusorischen Forderung: Eine Annahme bedeutet mehr Bürokratie, mehr Handelshemmnisse, weniger Innovation. Der Schweizerische Bauernverband bezeichnet das Begehren als «unnötig» – und warnt vor einem Rückschritt für das Ziel einer noch nachhaltigeren Landwirtschaft.
Donnerstag, 26. Februar 2026
Garniert mit einer überdimensionierten Tomate haben die Initianten der Volksinitiative «Für eine gentechnikfreie Landwirtschaft» ihr Begehren in Bern offiziell eingereicht. Die Initiative verlangt eine strenge Deklarationspflicht für sämtliche Formen von Gentechnik. Zudem sollen alle gentechnischen Eingriffe bei Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen einer umfassenden Risikoprüfung unterstellt werden.
Was nach Transparenz klingt, hätte weitreichende Folgen. Moderne Züchtungsmethoden würden faktisch blockiert. Zudem droht eine Flut neuer Labels und zusätzlicher Bürokratie.
Die Initianten scheinen Tomaten auf den Augen zu haben
Gentechnik ist schon längst auf unseren Tellern und in unserem Leben angekommen. Wir würden Selbstverständliches neu kennzeichnen müssen. Denn viele unserer Lebensmittel sind durch klassische Mutagenese oder gentechnischen Verfahren entstanden. Das betrifft über 3000 Sorten. Selbst im Bio-Regal sind solche Sorten zu finden. Doch die Initianten beharren auf Kennzeichnung,
Mutationen sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Fast alles, was wir essen, ist durch Mutationen entstanden. Ohne sie gäbe es nämlich weder kernlose Trauben noch süsse Mandeln oder ertragreichen Mais. Die Initiative erweckt jedoch den Eindruck, genetische Eingriffe seien etwas grundsätzlich Neues und Gefährliches. Das entspricht nicht den wissenschaftlichen Fakten.
Neue Züchtung ist nicht herkömmliche Gentechnik
Die Initianten behandeln neue Züchtungsverfahren wie herkömmlich veränderte Organismen. Doch moderne Verfahren wie die Genom-Editierung unterscheiden sich grundlegend: Sie ermöglichen gezielte, punktuelle Veränderungen im Erbgut – meist ohne fremde Gene einzubauen. Die Genom-Editierung kann das, was die Natur sowieso tut – nur schneller und genauer.
«Der Unterschied ist gross», sagt Sandra Helfenstein vom Schweizer Bauernverband im Schweizer Bauer. Gerade mit Blick auf Klimawandel und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen brauche es Offenheit gegenüber neuen Technologien. Für den SBV ist deshalb klar: Die Initiative ist «unnötig».
Schweiz droht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten
Ironischerweise zeigt ja gerade die Tomate das Potenzial neuer Züchtungstechnologien. Ein Bericht der Schweizerischen Akademien der Wissenschaften nennt zahlreiche Beispiele: Tomaten können resistenter gegen Krankheiten wie das Jordan-Virus gemacht werden. Sie lassen sich besser an Hitze, Trockenheit oder starke Niederschläge anpassen. Auch der Geschmack kann gezielt verbessert werden.
Neue Züchtungsmethoden helfen zudem, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Wie eine repräsentative Umfrage zeigt, unterstützt die Bevölkerung neue Züchtungsmethoden mit grosser Mehrheit.
Der Bundesrat arbeitet derzeit an einer eigenen Regulierung für neue Züchtungsverfahren. Ziel ist eine praxisnahe und international abgestimmte Lösung.
Dem Bauernverband zufolge ist die Schweiz bei vielen Kulturen stark von ausländischem Saatgut abhängig. «Die Regelung sollte nicht stark von jener der EU abweichen», betont Sandra Helfenstein. Hinzu kommt, dass die EU kurz davor ist, eine deutliche Deregulierung bei den neuen Züchtungsverfahren zu beschliessen. Mit einem Ja zur Lebensmittelschutzinitiative würde die Schweiz weiter ins Hintertreffen geraten.
Nachhaltigkeit braucht Fortschritt
Eine moderne Landwirtschaft braucht Innovation. Neue Züchtungsmethoden helfen, Erträge zu sichern, Ressourcen effizienter zu nutzen und Pflanzenschutz gezielter einzusetzen.
Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, darf wissenschaftlich geprüfte Technologien nicht aus ideologischen Gründen verhindern. Stillstand ist keine Option für eine Landwirtschaft, die vor grossen Herausforderungen steht.
Die Mitinitiantin der Volksinitiative «Für gentechnikfreie Lebensmittel (Lebensmittelschutz-Initiative)», Martina Munz, machte an der Migros-Konsumententagung keinen Hehl daraus: «Aus meiner Sicht ist Mutagenese Gentechnik und gehört als solche reguliert.» Demnach soll die klassische Mutagenese auch als Gentechnik deklariert werden. Eingefleischten Gentechnik-Gegnern ist also auch diese «erlaubte Gentechnik» ein Dorn im Auge. Tatsächlich folgt der Initiativtext der Lebensmittelschutz-Initiative genau jener Definition, die gemäss EuGH und Interpretation der Schweizer Behörden auch klassische Mutagenese umfasst: «Gentechnisch veränderte Organismen sind Organismen, deren genetisches Material auf eine Weise verändert worden ist, wie dies unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht vorkommt.» Damit fordert der Initiativtext eine Kennzeichnung für alle gentechnisch veränderten Organismen – auch für jene aus klassischer Mutagenese.
Doch klassische Mutagenese durch Radioaktivität oder Chemikalien ist bisher nicht in Erscheinung getreten in den öffentlichkeitswirksamen Kampagnen gegen Gentechnik. Es ist einfacher, den «Skandal» zu verschweigen. Denn etwas, das auch in der Bio-Zücthung eingesetzt wird und was wir schon lange essen, macht uns keine Angst mehr. Tatsächlich dürfte es schwierig werden, Mehrheiten dafür zu finden, Tausende von bewährten Nahrungsmitteln nun als GVOs zu deklarieren – oder gar mit dem Radioaktivitäts- oder dem Chemie-Warnsymbol zu versehen.
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