Enorme Ernteausfälle: Präzisionslandwirtschaft statt Importe
Das Wetter hat dieses Jahr verrückt gespielt. Frost, Hagel und Hochwasser haben der Landwirtschaft stark zugesetzt. Erntequalität und -menge haben bei diversen Kulturen gelitten. Vieles was auf Schweizer Äckern kaputtging, konnte durch Importe aus dem Ausland gedeckt werden. Doch auf eine reine Importstrategie zu setzen, wäre für die Schweiz riskant.
Dienstag, 12. Oktober 2021
«SRF Trend» berichtet über die massiven Ernteausfälle in der Schweizer Landwirtschaft. Alles begann im Frühling, als auf eine warme Periode plötzlich ein erneuter Winter mit frostigen Temperaturen Einzug hielt. Steinobst wie Aprikosen oder Zwetschgen waren davon besonders betroffen. Der grösste Teil der Blüten wurde durch die Eiseskälte zerstört. Gemäss dem Schweizerischen Obstverband wurden dieses Jahr 65 Prozent weniger Aprikosen und 60 Prozent weniger Zwetschgen geerntet. Das schlug sich auch auf die Preise nieder.
Regen und Hagel lassen Importe explodieren
Im Sommer führten vor allem heftige Regenfälle sowie starker Hagel zu Ernteausfällen. Bei gewissen Kulturen konnten die Ausfälle teilweise oder ganz durch Importe aus dem Ausland gedeckt werden. Ein Beispiel sind die Salatfelder, die im Juli unter Wasser standen. Die Importzahlen schossen im Sommer durch die Decke. Gemäss Conradin Bolliger vom Bundesamt für Landwirtschaft BLW wurden im Juli 680 Tonnen Eisbergsalat importiert. Im Jahr davor waren es gerade mal 0,3 Tonnen.
Schlimmstes Jahr in 140-jähriger Geschichte
Wie heftig das Wetter die Landwirte traf, zeigt auch ein Blick auf die Schweizer Hagelversicherung. Gemäss Pascal Forrer, Präsident der Schweizer Hagel-Versicherung, war 2021 das verhältnismässig schlechteste Jahr in der 140-jährigen Geschichte der Versicherung. Die Schadensumme beläuft sich auf 110 Millionen Franken. Fast jeder zweite Versicherte hat einen Schaden gemeldet. Besonders vom Hagel betroffen war das Freilandgemüse und das Steinobst.
Landwirte tragen Risiken
Zwar sind rund 70 Prozent der Freilandflächen versichert. Doch in einigen Regionen – zum Beispiel im Kanton Wallis für Aprikosenbauern – brauchte es zusätzliche staatliche Unterstützung. Frost- und Nässe bedingte Ausfälle gehen jedoch praktisch ausschliesslich zulasten der Landwirte. Hagelschäden an Früchten sind ideale Eintrittspforten für Pilzkrankheiten und Schädlinge. Immerhin konnten durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln noch grössere Ausfälle verhindert werden. Pflanzenschutz ist für Bauern ebenfalls eine Art der Ausfallversicherung. In Extremjahren können Ernteverluste zumindest abgefedert werden.
Auf Importe setzen?
Wie SRF bemerkt, merken die Konsumenten fast nichts von den Nöten der Landwirte. Denn was hierzulande nicht produziert werden kann, wird einfach importiert. Eine reiche Nation wie die Schweiz kann sich das leisten. Aber ist es auch langfristig eine gute Strategie, einfach auf Importe zu setzen? Angesichts der globalen Herausforderungen, eine bis auf 10 Milliarden Menschen ansteigende Weltbevölkerung zu ernähren, von denen zudem bis 2050 eine Mehrheit in Städten leben wird, sollte auch die Schweiz eine im umfassenden Sinne nachhaltige und ressourceneffiziente Landwirtschaft anstreben. Denn die Schweiz verfügt im Mittelland über hervorragende Böden, die für eine produktive Landwirtschaft genützt werden sollten, statt aus Ländern mit Wassermangel zu importieren. Dies entspricht auch dem immer wieder geäusserten Wunsch der Bevölkerung nach lokal produzierten, erschwinglichen Nahrungsmitteln. Moderne Technologien unterstützen diesen Wunsch zusätzlich. Deren Einsatz in der Landwirtschaft wiederum wird von den Schweizerinnen und Schweizern sehr deutlich befürwortet, wie eine kürzlich durchgeführte gfs-Umfrage zeigte.
Neue Technologien unterstützen
Statt Technologien von enormem Nutzen wie präziser Pflanzenschutz und präzise Züchtungsmethoden einzuschränken oder gar verhindern zu wollen, sollte die Schweiz auf ebendiese Präzisionslandwirtschaft setzen. Dies bietet auch enorme Vorteile für die Umwelt. Ziel muss eine nachhaltige Landwirtschaft sein, die noch produktiver wird, gleichzeitig Klima und Biodiversität schützt und den Landwirtinnen und Landwirten ein Auskommen und Perspektiven bietet – in der Schweiz wie anderswo.
Sources
Schlechtes Erntejahr 2021
Das Jahr 2021 hinterlässt in praktisch allen Kulturen Spuren in Form von Ernteverlusten und Totalausfällen. Besonders betroffen sind Weinbau und Obstbau, wo starke Hagelschläge einen Grossteil der Früchte zerstörten. Hinzu kam jedoch auch Staunässe auf den Feldern und der starke Druck von Pflanzenkrankheiten. Mehltau sowie Kraut- und Knollenfäule konnten sich aufgrund der feuchtnassen Bedingungen besonders gut ausbreiten. Um die Kartoffeln einigermassen vor der Kraut- und Knollenfäule zu schützen, waren Bauern auf wirksame Pflanzenschutzmittel angewiesen. Ohne diese Mittel wäre es wohl auch im Kartoffelbau zu Totalausfällen gekommen. Vor 150 Jahren zerstörte die Pilzkrankheit ganze Jahresernten und führte zu schrecklichen Hungersnöten, die in Irland eine Million Todesopfer (bei damals 8 Millionen Einwohnern) forderte und eine Massenemigration auslöste. Der nasse Sommer 2021 hätte in früheren Generationen – wo keine wirksamen Pflanzenschutzmittel vorhanden und Importe nicht möglich waren – wohl ebenfalls zu einer Hungersnot geführt.Dies just in dem Sommer, in dem zwei Volksinitiativen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbieten oder den Nichteinsatz und damit den Food Waste auf dem Acker finanziell belohnen wollten. Eine aktuelle Untersuchung von Agroscope bestätigt einmal mehr: Ein Totalverzicht auf Pflanzenschutzmittel würde Ernteausfälle von bis zu 47 Prozent mit sich bringen. Das hiesse: Mehr Importe, dort wo Importe möglich sind. Wo kein Ersatz beschafft werden kann, kommt Zweitklassware in die Regale oder sie bleiben leer. Für die Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet Verknappung auch höhere Preise.
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