Landwirtschaft und Handel sichern die Ernährung

Landwirtschaft und Handel sichern die Ernährung

Das Nein zur Ernährungsinitiative ist deutlich. Das Nein zur Ernährungsinitiative ist eine Chance, die Versorgungspolitik vom Wunschdenken zu befreien. Der Realitätssinn ist zurück in der politischen Debatte. Die Schweiz braucht eine Landwirtschaft, die Lebensmittel produzieren kann, und verlässliche Handelspartner für das, was sie nicht selbst produzieren kann.

Publiziert: 07.10.2026, 22:54 Uhr

Darum geht es

  • Die Ernährungsinitiative wurde von den Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern deutlich abgelehnt.

  • Die Schweiz deckt derzeit knapp die Hälfte ihres Lebensmittelbedarfs selbst ab.

  • Eine nachhaltige Landwirtschaft verlangt eine ressourceneffiziente Produktion mit Innovation und Schutz vor Ernteverlusten, um auf bestehenden Flächen mit möglichst wenig Boden, Wasser und Energie mehr Lebensmittel zu erzeugen.

  • Freihandelsabkommen wie jene mit Malaysia und den Mercosur-Staaten schaffen berechenbarere Regeln für die Exportindustrie, aber auch für Lebensmittel-Importe.

Die Initianten der Ernährungsinitiative haben verloren. Aber gehört damit auch der Umweltschutz zu den Verlierern? Die «Luzerner Zeitung» befürchtet, das deutliche Nein werde künftig als Argument gegen mehr Umwelt- und Klimaschutz dienen. Diese Lesart greift zu kurz. Eine Landwirtschaft ist nicht nachhaltiger, wenn sie weniger produziert. Entscheidend ist, wie schonend sie mit allen Ressourcen umgeht. Wer Umwelt und Versorgung schützen will, sollte eine produktive Landwirtschaft deshalb nicht als Problem betrachten, sondern als Teil der Lösung.

Nachhaltigkeit verlangt deshalb Fortschritt statt Rückzug. Robuste Sorten, neue Züchtungsmethoden, präzise Technik und wirksamer Pflanzenschutz helfen, Ernteverluste zu vermeiden und Ressourcen gezielter einzusetzen. Wer auf derselben Fläche mehr erntet, braucht für die gleiche Menge Lebensmittel weniger Land. Das kann den Druck auf zusätzliche Naturflächen verringern.


Widersprüchliche Ziele der Initianten

Die Initiative wollte den Netto-Selbstversorgungsgrad auf mindestens 70 Prozent erhöhen. Dafür sollte die Landwirtschaft weniger tierische und mehr pflanzliche Lebensmittel produzieren und zugleich weniger Pflanzenschutzmittel und Dünger einsetzen. Auch die Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher, die gegen die Initiative kämpfte, betonte nach der Abstimmung: Das Nein sei keine Absage an eine nachhaltige Landwirtschaft. Doch sie bemängelte deren Realisierbarkeit.

Genau hier muss die Debatte weitergehen. Die Schweiz soll auf ihren bestehenden Flächen Lebensmittel erzeugen und dabei mit möglichst wenig Boden, Wasser und Energie auskommen. Dafür braucht es Innovation und wirksamen Schutz vor Ernteverlusten. Nachhaltigkeit verlangt nicht weniger Produktion, sondern eine ressourceneffizientere Produktion. Die Möglichkeiten, ihren Schutz einzuschränken, ohne wirksame Alternativen bereitzustellen, erschweren ausgerechnet jene Produktion, die gestärkt werden soll.


Importe und Handel als Säulen der Versorgung

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Die Schweiz deckt nur rund die Hälfte ihres Lebensmittelbedarfs selbst. Importe bleiben selbst bei höherer Selbstversorgung nötig. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir vom Ausland abhängig sind, sondern wie wir diese Abhängigkeit gestalten. Ein breit abgestütztes Versorgungsnetz hilft, Ausfälle aufzufangen, wie auch Conradin Bolliger von réservesuisse im Agrarpolitik-Podcast vom 6. Oktober 2026 aufzeigt.

Doch Inlandproduktion und Lagerhaltung allein genügen nicht: Wir müssen auch importieren können – gerade das, was wir hierzulande nicht anbauen können: Bananen, Kakao, Kaffee, Mangos, Ananas, Cashewnüsse, Avocados und vieles mehr. Hier liegt der Wert von Freihandelsabkommen wie jenen mit Malaysia und den Mercosur-Staaten. Sie senken Handelshemmnisse und schaffen berechenbarere Regeln – auch für Lebensmittel. Solche Abkommen garantieren keine Lieferung in jeder Krise. Aber sie verbessern die Bedingungen für den ohnehin nötigen Austausch. Verlässliche Beziehungen sollte man aufbauen, bevor die Ernte ausfällt.

Dazu kommt: Die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten wollen Wahlfreiheit und Flexibilität, nicht Bevormundung. Das hat der Ende September 2026 publizierte gfs-Ernährungsmonitor deutlich gezeigt. Oder wie der Landwirt Thomas A. Glauser in einem Leserbrief im Schweizer Bauer vom 23. September treffend schreibt: «Ernährungssicherheit ist zu wichtig für Symbolpolitik. Unsere Bauern brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und unternehmerischen Spielraum. Konsumentinnen und Konsumenten brauchen Transparenz und eine echte Auswahl. Eine starke Schweizer Landwirtschaft entsteht nicht durch einen staatlich gelenkten Menüplan, sondern durch Bauernfamilien, die produzieren können, und durch Konsumentinnen und Konsumenten, die selber entscheiden dürfen, was sie kaufen und essen.»

Das Nein zur Ernährungsinitiative ist eine Gelegenheit, die Widersprüche der Agrardebatte aufzulösen. Mehr Selbstversorgung verlangen, den Bauern aber wichtige Werkzeuge nehmen und zugleich den Handel ausbremsen: Diese Rechnung geht nicht auf.

Schlagworte: Ernährungsinitiative · Selbstversorgungsgrad · Landwirtschaft · Pflanzenschutz · Freihandelsabkommen · Versorgungssicherheit · Mercosur · Innovation

Über swiss-food.ch

swiss-food.ch ist eine Informationsplattform der forschenden Lebensmittel- und Agrartechnologiebranche und bündelt faktenbasierte Inhalte zu Ernährung, Landwirtschaft, Pflanzenschutz und Biotechnologie. Die Beiträge werden redaktionell aufbereitet, die verwendeten Quellen sind im Text verlinkt. Getragen wird die Plattform durch Syngenta und Bayer.

Warum scheiterte die Ernährungsinitiative?

Die Initiative forderte eine Erhöhung des Netto-Selbstversorgungsgrads auf 70 Prozent bei gleichzeitigem Verzicht auf wichtige Produktionsmittel wie Pflanzenschutzmittel und Dünger. Viele sahen darin unvereinbare Ziele und eine Gefährdung der Machbarkeit.

Wie hoch ist der Selbstversorgungsgrad der Schweiz derzeit?

Die Schweiz deckt aktuell rund die Hälfte ihres Lebensmittelbedarfs selbst ab. Für den verbleibenden Teil bleibt das Land auf Importe angewiesen.

Wie kann die Schweizer Landwirtschaft nachhaltiger produzieren?

Durch Innovationen wie robuste Sorten, neue Züchtungsmethoden, präzise Landtechnik und wirksamen Pflanzenschutz lassen sich Ernteverluste vermeiden und Ressourcen wie Boden, Wasser und Energie effizienter nutzen.

Welche Rolle spielen Freihandelsabkommen für die Ernährungssicherheit?

Abkommen wie jene mit Malaysia oder den Mercosur-Staaten senken Handelshemmnisse und schaffen berechenbare Regeln für den Lebensmittelimport, um Ausfälle in der gewohnten Versorgung auszugleichen.

Bedeutet das Nein zur Initiative ein Ende des Umweltschutzes in der Agrarpolitik?

Nein, das Ergebnis wird nicht als Absage an die Nachhaltigkeit verstanden. Entscheidend ist eine ressourceneffiziente Produktion, bei der auf derselben Fläche mehr Lebensmittel erzeugt werden, um den Druck auf Naturflächen zu reduzieren.

Warum sind Importe trotz angestrebter Selbstversorgung notwendig?

Selbst bei einer Erhöhung der eigenen Produktion kann die Schweiz nicht alle benötigten Nahrungsmittel in ausreichender Menge herstellen. Ein breit aufgestelltes Versorgungsnetz schützt vor Ernteausfällen.

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