Wie unser Alltag ins Wasser gelangt
Wenn über Rückstände in unseren Gewässern berichtet wird, gerät oft die Landwirtschaft als Hauptverursacher ins Visier. Doch eine differenzierte Betrachtung zeigt: Die Quellen sind vielfältig und liegen oft näher im Alltag, als vermutet wird.
Freitag, 20. Februar 2026
Ein aktuelles Beispiel liefert der «K-Tipp» zur Debatte um Zecken- und Flohmittel für Hunde und Katzen. Viele dieser Mittel enthalten den Wirkstoff Fipronil. Während dieses Insektizid in der Landwirtschaft bereits seit über zehn Jahren verboten ist, bleibt es bei Haustieren weiterhin im Einsatz – und ist teils rezeptfrei in Apotheken und Drogerien erhältlich.
Messungen des Abwasser- und Gewässerschutzverbandes belegen die Folgen: Fipronil wird in Schweizer Gewässern häufiger nachgewiesen als jedes andere Insektizid. Über das Abwasser gelangen die Rückstände ins Wasser, etwa wenn Wirkstoffe beim Baden, Duschen oder Waschen ausgewaschen werden. Die gemessenen Konzentrationen können für Wasserlebewesen problematisch sein. Das Beispiel unterstreicht: Bei Rückständen im Wasser einfach auf die Landwirtschaft zu zeigen, greift viel zu kurz.
Rückstände entstehen im Alltag
Nicht nur Tierarzneimittel hinterlassen Spuren. Auch ganz alltägliche Tätigkeiten tragen dazu bei. Beim jährlichen Frühlingsputz gelangen Rückstände von Reinigungsmitteln ins Abwasser – sei es beim Fensterputzen, Entkalken von Bad und Küche oder der Terrassenreinigung. Selbst Waschmittel stehen im Fokus: Untersuchungen zeigten letztes Jahr, dass sich Glyphosat auch als Abbauprodukt bestimmter Waschmittel bilden kann. Hinzu kommen achtlose Verschmutzungen, etwa durch Zigarettenstummel, die achtlos in den Wasserschacht geworfen werden. Etwa 75 % der Zigaretten werden nicht korrekt entsorgt und tragen giftige Stoffe in die Umwelt, so etwa Ammoniak, Arsen, Blei, Cadmium, Ethylphenol, Formaldehyd oder Nickel. Wir alle beeinflussen durch unsere Produktauswahl, der Dosierung und der korrekten Entsorgung, was letztendlich im Wasser landet.
Analytik und Transparenz
Dass wir diese kleinsten Mengen im Spuren- oder Nanobereich heute überhaupt nachweisen können, ist ein Verdienst der modernen Analytik. Dies sorgt für Transparenz und Sicherheit, führt aber gleichzeitig dazu, dass Messwerte oft unterschiedlich interpretiert werden. Der Grat zwischen ehrlicher Aufklärung und Alarmismus ist schmal. Dazu kommt: Wir schätzen Risiken dann geringer ein, wenn wir einen Vorteil für uns sehen.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einer nachweisbaren Substanz und einem tatsächlichen Risiko. Nicht jeder messbare Stoff bedeutet automatisch eine konkrete Gefährdung. Hier braucht es eine sachliche, wissenschaftsbasierte Einordnung.
Entsprechend haben die forschenden Firmen ihre Anstrengungen, die Zielkonflikte zwischen Nutzen und unerwünschten Nebenwirkungen zu adressieren, weiter verstärkt. Gleichzeitig helfen technische Fortschritte und massive Fortschritte beim biologischen Pflanzenschutz, der Züchtung und Digitalisierung oder in der Robotik, negative Umweltfolgen in der Landwirtschaft zu reduzieren. Auch wurden über die Jahre die gesetzlichen und regulatorischen Massnahmen im Chemikalienrecht laufend verschärft, um unerwünschte Stoffe frühzeitig zu erkennen und Risiken zu minimieren.
Nullrisiko ist eine Illusion
Trotz aller Fortschritte bleibt beim Einsatz technischer Mittel – ob in der Landwirtschaft oder im Alltag– ein Restrisiko bestehen. Ein absolutes Nullrisiko ist in einer entwickelten Gesellschaft utopisch. Vielmehr gilt es, wissenschaftsbasiert zwischen potenziellen Gefahren und dem tatsächlichen Risiko zu unterscheiden. Eine Gefahr wird durch gezielte Massnahmen beherrschbar und akzeptabel. Die Abwägung zwischen Nutzen und Risiko ist ein zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Debatte und setzt eine objektive Auseinandersetzung mit Fakten und Zielkonflikten voraus. Eine Gesellschaft aber, die jedes Risiko vermeiden will, verhindert Innovationen und bleibt stehen.
Pestizide im Wasser: Die Quellen sind vielfältig und liegen näher, als wir denken
Im Rahmen der «Nationalen Beobachtung Oberflächengewässerqualität» (NAWA spez 2023) untersuchte die Wasserforschungsanstalt Eawag gemeinsam mit Partnerinstitutionen systematisch, wie Pestizide in Schweizer Flüsse und Bäche gelangen. Die im Oktober 2025 veröffentlichten Ergebnisse zeigen: Nur ein Teil der Belastung stammt aus dem diffusen Eintrag aus dem Pflanzenbau.
Ein beträchtlicher Anteil gelangt über Abwasserreinigungsanlagen in die Gewässer. Besonders Insektizide wie Fipronil oder Imidacloprid werden regelmässig nachgewiesen. Sie stammen unter anderem aus Bioziden aus Floh- und Zeckenmitteln für Haustiere, aus Reinigungs- und Desinfektionsmitteln oder aus Holzschutzprodukten.
Rückstände können an Tierhaaren, Händen oder Textilien haften und beim Waschen ins Abwasser gelangen. Die Studie zeigt: Der Schutz der Gewässer beginnt nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Alltag – in Badezimmern, Waschküchen und Haushalten.
Sources
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