Rückstand ist nicht gleich Rückstand
Schmerzmittel wie Voltaren sind für uns ein Segen – doch in unseren Flüssen können sie Fischen schaden. Würde es sich um Pflanzenschutzmittel handeln, käme sofort der Ruf nach Verboten. Es wird offensichtlich mit ungleichen Ellen gemessen.
Montag, 2. März 2026
Schmerzt der Rücken, zieht der Nacken? Dann könnte ein Bad in der Aare helfen – zumindest theoretisch. Wie die Argauer Zeitung berichtet, fliesst jährlich rund eine Vierteltonne des Wirkstoffs Diclofenac bei Brugg in den Fluss.
Diclofenac ist der Wirkstoff, der vielen Schmerzgeplagten über Tag oder Nacht hilft. Er wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend und fiebersenkend und ist in bekannten Produkten wie Voltaren, Ecofenac oder Flector enthalten.
Für uns Menschen ist er ein Segen, ein kurzes Bad in der Aare dürfte jedoch kaum Wirkung zeigen. Für andere Lebewesen kann die Konzentration im Fluss problematisch sein. Laut dem Wasserforschungsinstitut Eawag kann Diclofenac Leber, Nieren und Kiemen von Fischen schädigen.
Diclofenac ist gemäss EAWAG die einzige Chemikalie, die an der untersten Messstelle der Aare regelmässig den gesetzlichen Grenzwert überschreitet. Besonders hohe Konzentrationen treten im Winter auf - nicht weil dann mehr Schmerzmittel konsumiert werden, sondern weil das Sonnenlicht fehlt, das den Wirkstoff abbaut.
Die Kantone rüsten inzwischen auf. Kläranlagen mit einer zusätzlichen Stufe zur Entfernung von Mikroverunreinigungen können Diclofenac grösstenteils aus dem Abwasser filtern. Im Aargau sind bisher zwei Anlagen entsprechend ausgestattet, mindestens fünf weitere sollen bis 2035 folgen. Aktuell gibt es 41 kommunale Kläranlagen im Kanton.
Bis die Umrüstung abgeschlossen ist, gibt es einfache Verhaltensregeln. Wer sich die Schmerzcrème aufträgt, sollte die Hände danach zuerst mit Papier abwischen und dieses in den Abfall werfen. Erst wischen, dann waschen lautet die Devise, um die Konzentration von Diclofenac in den Gewässern zu senken.
Spannend ist, dass Risiken oft sehr unterschiedlich bewertet werden. Landwirte, die Pflanzenschutzmittel ausbringen, stehen unter ständiger Beobachtung. Sobald Rückstände im Wasser nachgewiesen werden, kommt der Ruf nach Verboten. Gleichzeitig gibt es in der Landwirtschaft längst etablierte Methoden, um Risiken zu minimieren. Dazu gehören Präzisionsdüsen, die Abdrift beim Spritzen um bis zu 95 Prozent reduzieren, spezielle Waschplätze für Spritzgeräte, das Abdecken von Dolen-Deckeln im Feld und das Anpflanzen von Kulturpflanzen quer zum Hang sowie Hecken entlang von Wasserläufen senken beide den sogenannten Run-off. All diese Massnahmen gehören zur guten landwirtschaftlichen Praxis und sorgen dafür, dass Rückstände minimiert werden.
Ganz anders sieht es bei uns aus. Wer sich Voltaren auf den Ellenbogen schmiert, bekommt höchstens den Hinweis, die Hände danach mit einem Papiertuch abzuwischen, ein Verbot fordert hier niemand.
Lothar Aicher vom SCAHT bringt diese Schizophrenie auf den Punkt: Menschen neigen dazu, Risiken geringer einzuschätzen, wenn sie selbst einen Nutzen daraus ziehen.
Den Nutzen von Pflanzenschutzmitteln sehen viele nicht, obwohl wir ihren Wegfall sofort spüren würden. So würde beispielsweise eine Reduktion des Pflanzenschutzeinsatzes um 50 Prozent zu Ernteeinbussen von bis zu 30 % bei gewissen Kulturen führen, wie Untersuchungen zeigen. Zu noch drastischeren Zahlen und Konsequenzen kommt eine Studie des European Parliamentary Research Services von 2019. Landverbrauch und Preise würden steigen, die Qualität der Nahrungsmittel sinken. Nicht nur die Klagen der Direktbetroffenen, der Landwirte, sondern auch weitere zahlreiche Studien unterstreichen die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung dieser Mittel. Aber das ist abstrakt, weit weg und kompliziert.
Ein schmerzender Rücken oder ein verspannter Nacken am Morgen ist dagegen sehr konkret und unmittelbar. Eines ist sicher: Die Unaufgeregtheit, mit der medial über Medikamente in unseren Gewässern berichtet wird, wünscht man sich auch beim Pflanzenschutz.
Das Leben hinterlässt Rückstände – und diese zeigen sich im Wasser
Entgegen der landläufigen Meinung belastet nicht nur die Landwirtschaft unsere Gewässer – viele Rückstände stammen direkt aus dem Alltag. Wirkstoffe wie Fipronil aus Zecken- und Flohmitteln für Hunde und Katzen gelangen über das Abwasser in Flüsse und Seen, Reinigungs- und Waschmittel hinterlassen Spuren beim Putzen oder Waschen. Besonders problematisch sind Zigaretten: Etwa 75 % werden achtlos weggeworfen und enthalten giftige Stoffe wie Arsen, Blei, Cadmium, Ammoniak oder Formaldehyd, die Böden und Gewässer belasten.
Das Leben hinterlässt Rückstände – die in Gewässern und Böden nachgewiesenen Stoffe sind letztlich ein Abbild unseres Alltags. Eine ehrliche Diskussion über Belastungen nimmt uns alle in die Verantwortung. Und vor allem gilt: es braucht vielfach nicht viel, um eine Verbesserung zu erzielen: Ein korrekt entsorgter Zigarettenstummel wäre ein guter Anfang.
Sources
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