Wink an die Politik mit dem Reagenzglas

Wink an die Politik mit dem Reagenzglas

Der Schweizer Wissenschaftspreis geht an einen Forscher, der mit der «Genschere» eine Technologie mitentwickelte, die die Landwirtschaft entscheidend vorangebracht hat. Während die Wissenschaft längst neue Möglichkeiten eröffnet und die EU regulatorisch vorwärts macht, trödelt die Schweiz weiter vor sich hin.

Publiziert: 06.10.2026, 11:45 Uhr

Darum geht es

  • Der mit 250’000 Franken dotierte Wissenschaftspreis Marcel Benoist geht an Martin Jinek für seine Erkenntnisse über zelluläre Prozesse, die dem Genome Editing zum Durchbruch verholfen haben.

  • Die Europäische Union hat bereits einen neuen Rechtsrahmen für Pflanzen aus bestimmten neuen genomischen Verfahren beschlossen.

  • Trotzdem verschiebt der Bundesrat die Botschaft für eine risikobasierte Regelung neuer Züchtungsmethoden vom ersten Quartal 2026 auf das zweite Halbjahr 2027.

  • Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Landwirtschaft steht, ist das bemerkenswert.

  • Nach einer extrem geschädigten Kartoffelernte stehen Schweizer Landwirte vor der Frage, wie künftig mit EU-Importen und Klimagefahren umgegangen werden soll.

    Wenn die Schweiz so etwas wie einen eigenen Nobelpreis verleiht, dann ist es der Marcel-Benoist-Preis. Die mit 250’000 Franken dotierte Auszeichnung ging dieses Jahr an den Biochemiker und Professor der Universität Zürich, Martin Jinek – für seine Erkenntnisse über zelluläre Prozesse, die dem Genome Editing zum Durchbruch verholfen haben.

    Jinek hat entscheidend dazu beigetragen, aus einem natürlichen Abwehrmechanismus von Bakterien ein Werkzeug zu entwickeln, mit dem sich Erbgut gezielt verändern lässt. Die Methode wird deshalb auch als «Genschere» bezeichnet. Und genau diese Genschere eröffnet auch für die Landwirtschaft neue Möglichkeiten: Pflanzen können damit beispielsweise widerstandsfähiger gegen Schädlinge, Hitze oder Trockenheit gemacht werden.


    EU-Regulierung: Der europäische Markt macht vorwärts

    Das ist keine Zukunftsmusik. In verschiedenen Ländern werden solche Verfahren bereits eingesetzt. Und auch die Europäische Union hat inzwischen einen neuen Rechtsrahmen für Pflanzen aus bestimmten neuen genomischen Verfahren beschlossen. Damit stellt sich auch für die Schweiz zunehmend die Frage, wie sie mit dieser Technologie umgehen will.

    Eigentlich ist die Richtung längst vorgegeben. Das Parlament hat den Bundesrat bereits im Zusammenhang mit der Verlängerung des Gentechnik-Moratoriums beauftragt, eine risikobasierte Regelung für Pflanzen aus neuen Züchtungsmethoden auszuarbeiten. 2024 kündigte der Bundesrat an, die entsprechende Botschaft im ersten Quartal 2026 vorzulegen. Inzwischen soll sie erst im zweiten Halbjahr 2027 kommen.


    Trockenheit und Erntekrisen: Die Kartoffelernte auf historischem Tief

    Das ist bemerkenswert – gerade angesichts der Herausforderungen, vor denen die Landwirtschaft steht. Die diesjährige Kartoffelernte etwa ist auf ein historisches Tief gefallen. Hitze und Trockenheit setzen den Kulturen zu. Gerade hier könnten Züchtungsmethoden, die gezielt auf Robustheit und Anpassungsfähigkeit setzen, künftig eine wichtige Rolle spielen.

    Wie dringend das Thema ist, zeigte sich kürzlich sogar in der Zürcher Wasserkirche. Dort wurde über die Folgen des Hitzesommers für den Kartoffelanbau informiert. Die «Stossgebete» um Regen mögen kurzfristig helfen – langfristig wird es aber auch technologische Antworten brauchen.

    Und jetzt kommt ausgerechnet der Schweizer Wissenschaftspreis daher und zeichnet einen Forscher aus, der massgeblich an einer Technologie beteiligt war, die solche Antworten ermöglichen könnte. Das hat fast schon etwas Symbolisches.


    Importfragen und Handlungsbedarf: Symbolwirkung des Wissenschaftspreises

    Zumal die EU inzwischen Fakten geschaffen hat. Wenn dort künftig bestimmte genomeditierte Pflanzen ohne besondere Kennzeichnung auf den Markt kommen, stellt sich für die Schweiz nicht nur die Frage der eigenen Landwirtschaft, sondern auch jene der Importe. Wie soll mit Agrarprodukten umgegangen werden, die aus der EU kommen und dort nach den neuen Regeln behandelt werden?

    Der Marcel-Benoist-Preis ist deshalb tatsächlich ein Wink an die Politik – diesmal mit dem Reagenzglas. Die Wissenschaft hat das Werkzeug entwickelt. Jetzt wäre es an der Politik, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit es auch dort eingesetzt werden kann, wo es angesichts von Klimawandel und zunehmenden Wetterextremen gebraucht wird: auf den Schweizer Feldern.

    Schlagworte: Marcel-Benoist-Preis · Martin Jinek · Genome Editing · Genschere · Landwirtschaft · EU-Regulierung · Kartoffelernte · Züchtungsmethoden

    Über swiss-food.ch

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    Was ist der Benoist Preis?

    Seit 1920 zeichnet die Marcel Benoist Stiftung jedes Jahr herausragende Forschung aus, die für das menschliche Leben von Bedeutung ist. Sie ehrt damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für die Exzellenz des Forschungsplatzes Schweiz stehen. 2026 ging der Preis an einen Forscher, der einen wesentlichen Beitrag an die Entwicklung von Crispr-Cas leistete.

    Wer hat den Marcel-Benoist-Preis 2026 erhalten?

    Der Biochemiker und Professor der Universität Zürich, Martin Jinek, wurde mit dem Marcel-Benoist-Preis ausgezeichnet.

    Warum wurde Martin Jinek ausgezeichnet?

    Er erhielt die Auszeichnung für seine Erkenntnisse über zelluläre Prozesse, die dem Genome Editing und der Anwendung der Genschere zum Durchbruch verholfen haben.

    Welche Vorteile bietet die Genschere für die Landwirtschaft?

    Durch die gezielte Veränderung des Erbguts können Pflanzen widerstandsfähiger gegen Schädlinge, Hitze oder Trockenheit gezüchtet werden.

    Wie reagiert die Europäische Union auf neue genomische Verfahren?

    Das EU-Parlament hat bereits im Juni 2026 die Verordnung zur weitgehenden Freigabe neuer Züchtungsmethoden (NGT) beschlossen. Diese regelt, wie Pflanzen aus bestimmten neuen genomischen Verfahren behandelt und vermarktet werden.

    Wann legt der Schweizer Bundesrat eine Gesetzesbotschaft vor?

    Die Botschaft für eine risikobasierte Regelung war ursprünglich für das erste Quartal 2026 angekündigt und soll nun erst im zweiten Halbjahr 2027 vorgelegt werden.

    Warum ist die Diskussion um neue Züchtungsmethoden in der Schweiz aktuell so dringend?

    Aufgrund von Hitze und Trockenheit ist die Schweizer Kartoffelernte auf ein historisches Tief gefallen, was den Bedarf an klimaresistenten Nutzpflanzen verdeutlicht.

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