Meinungen
Ruedi Noser

Der Bundesrat verspielt leichtfertig die Schweizer Standortvorteile

Ruedi Noser ist Unternehmer und war viele Jahre politisch aktiv für die FDP: Von 2003 bis 2015 gehörte er dem Nationalrat an, danach vertrat er den Kanton Zürich bis 2023 im Ständerat. Noser warnt, dass der Bundesrat durch zunehmende Regulierung, höhere Kosten und die Angleichung an internationale Vorgaben die traditionellen Standortvorteile der Schweiz leichtfertig abbaut und damit die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand des Landes gefährdet.

Montag, 27. April 2026

Als Alt-Ständerat des Kantons Zürich verfolge ich die Wirtschaftspolitik des mehrheitlich bürgerlichen Bundesrates mit wachsender Sorge. Die Schweizer Unternehmen stehen mitten im globalen Sturm: Kriege, Strafzölle, KI-Revolution, demografischer Wandel und ausufernde Regulierung setzen ihnen zu. In dieser Lage wäre es die oberste Priorität der Landesregierung, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu verteidigen. Stattdessen verspielt der Bundesrat in eifriger Gleichmacherei jene Trümpfe, die die Schweiz im internationalen Standortwettbewerb jahrzehntelang ausgezeichnet haben.

Regulatorische Zurückhaltung, hohe Rechtssicherheit, tiefe Regulierungskosten: Leichtfertig und ohne Not opfert der Bundesrat diese Trümpfe und sägt am Ast, auf dem die Schweizer Wirtschaft sitzt.


Schweizer Wettbewerbsvorteile erodieren

Die Schweizer Wirtschaft zahlt Löhne, die 50 bis 70 Prozent über dem europäischen Durchschnitt liegen, und trägt gleichzeitig ausserordentlich hohe Kosten für Mieten und Infrastruktur. Dieses strukturelle Handicap wurde bisher durch andere Vorteile kompensiert: gut ausgebildete Fachkräfte, günstige Finanzierungsbedingungen, tiefe Steuern und schlanke Regulierung. Doch nach und nach sind diese Vorteile in den letzten Jahren erodiert, oder sie werden gar aktiv abgebaut.

Der Steuervorteil im Vergleich zwischen der Stadt Zürich und Frankfurt ist ab einem Einkommen von etwa 150 000 Franken praktisch verlorengegangen. Die OECD-Mindeststeuer hat die Standortvorteile bei der Unternehmensbesteuerung weitgehend nivelliert. Die einseitige Einführung strengerer Kapitalvorschriften im Zuge von Basel III hat die Finanzierungskosten für Unternehmen in der Schweiz weiter erhöht, mit spürbaren Folgen für Investitionen und Wachstum.

Und ein weiterer möglicher Kostentreiber ist bereits angekündigt: In wenigen Wochen präsentiert der Bundesrat die neuerliche Verschärfung der Eigenmittelvorschriften für international tätige Banken.

Kurz vor Ostern schickte der Bundesrat zudem den indirekten Gegenvorschlag zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative in die Vernehmlassung. Auch hier orientierte er sich am EU-Recht, in einzelnen Punkten geht er sogar darüber hinaus. Die Konzernhaftung bedeutet eine weitere bürokratische und finanzielle Belastung für Schweizer Unternehmen, deren Wirkung und Nutzen selbst in der EU höchst umstritten ist.

Auch der Pharmastandort steht unter Druck: Die Zollpolitik der USA trifft die Branche hart, neue Referenzpreisregelungen benachteiligen kleine Märkte wie die Schweiz, und die Markteinführung innovativer Medikamente wird für Hersteller zunehmend unattraktiv. Der Zugang zu neuen Therapien hat sich hierzulande bereits nachweislich verschlechtert, Tendenz sinkend. Der Bundesrat hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt und verspricht die bestmöglichen Rahmenbedingungen. Bleibt abzuwarten, ob es der Gruppe gelingt, Verbesserungen für den Standort zu erzielen.


Treten an Ort reicht nicht aus, um vorwärtszukommen

In global unsicheren Zeiten den Finanzplatz, den Pharmastandort und die exportorientierte Industrie zu schwächen – ausgerechnet jene Sektoren, die das Rückgrat der Schweizer Wertschöpfung bilden –, das erinnert an Gottfried Kellers Seldwyla: eine Gemeinschaft, die munter an den Grundlagen ihres eigenen Wohlstands sägt, ohne die Konsequenzen zu begreifen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Teile von Verwaltung und Politik glauben, die Wirtschaft beliebig belasten zu können, ohne dass dies je Folgen hätte.

Ein Blick nach Deutschland sollte uns nachdenklich stimmen. In den 1990er Jahren galt Deutschland als Vorbild für einen innovativen Industriestandort mit hoher Wirtschaftskraft. Heute stagniert die deutsche Wirtschaft, und die Innovationsführerschaft ging längst verloren. Während zweier Jahrzehnte ist es der deutschen Wirtschaft nicht gelungen, die Wertschöpfung zu steigern – selbst wer auf hohem Niveau stehen bleibt, verliert den Anschluss.

Es wäre ratsam, in der Schweiz nicht dieselben Fehler zu begehen wie in Deutschland, sondern strategisch zu handeln und unsere Wettbewerbsvorteile bewusst zu verteidigen.

Ruedi Noser ist Unternehmer und war viele Jahre politisch aktiv für die FDP: Von 2003 bis 2015 gehörte er dem Nationalrat an, danach vertrat er den Kanton Zürich bis 2023 im Ständerat. Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung am 15. April 2026 in der NZZ.

Der Bundesrat verspielt leichtfertig die Schweizer Standortvorteile

Ruedi Noser

Ruedi Noser

Alt-Ständerat Kanton Zürich (FDP)

«Die Genschere revolutioniert auch den biologischen Pflanzenschutz»

Urs Niggli

Urs Niggli

Agrarwissenschafter und Präsident von Agroecology Science

«Neue genomische Verfahren in der Pflanzenzüchtung: Nachhaltigkeit braucht Innovation»

Philipp Aerni

Philipp Aerni

Wirtschaftsprofessor & Experte Corporate Responsibility and Sustainability

«Carte Blanche: Überzogene Anti-Alkohol-Strategie»

Philipp Schwander

Philipp Schwander

Master of Wine, Weinexperte und Unternehmer

«Landwirtschaft braucht eine gemeinsame Vision»

Dr. Christian Stockmar

Dr. Christian Stockmar

Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz, Österreich

«Reine Selbstüberschätzung»

Patrick Dümmler

Patrick Dümmler

Ressortleiter Nachhaltigkeit und Wirtschaftspolitik des Schweizerischen Gewerbeverbandes

«Wir sind Europas Schlusslicht beim Pflanzenschutz»

David Brugger

David Brugger

Leiter Pflanzenbau, Schweizer Bauernverband

«Die orangen Elefanten im Raum»

Jürg Vollmer

Jürg Vollmer

Agrarjournalist

«Neuorientierung bei der Gentechnik»

Raphael Bühlmann

Raphael Bühlmann

Land- und Betriebswirt FH.

«Politik scheint resistent gegen Fakten»

Beat Keller

Beat Keller

Professor für Molekulare Pflanzenbiologie an der Universität Zürich

«Präzise Verfahren brauchen liberale Regeln»

Jürg Niklaus

Jürg Niklaus

Jürg Niklaus ist promovierter Jurist und setzt sich für Pflanzenzüchtung ein.

«Mehr Pestizide, mehr Gentechnik: Wie wir den Hunger überwinden»

Markus Somm

Markus Somm

Journalist, Publizist, Verleger und Historiker

«Die Angst vor Gentech-Pflanzen ist unnötig»

Anke Fossgreen

Anke Fossgreen

Leiterin Wissenteam Tamedia

«Politik darf Nahrungsmittelpreise nicht weiter in die Höhe treiben»

Babette Sigg Frank

Babette Sigg Frank

Präsidentin Konsumentenforum

«Chance der grünen Biotechnologie nutzen»

Roman Mazzotta

Roman Mazzotta

Länderpräsident Syngenta Schweiz

«Nachhaltigkeit bedeutet mehr»

Hendrik Varnholt

Hendrik Varnholt

Ressortleiter Industrie bei der Lebensmittel Zeitung

«Ein Drittel Bio löst das Problem nicht»

Olaf Deininger

Olaf Deininger

Entwicklungs-Chefredakteur Agrar-Medien

«Allein mit ökologischen Methoden werden wir es nicht schaffen»

Saori Dubourg

Saori Dubourg

Mitglied des Vorstands der BASF SE

«Die meisten Ängste gegenüber Pestiziden sind unbegründet»

Michelle Miller

Michelle Miller

Kolumnistin bei Genetic Literacy Project und AGDaily

Neue Technologien braucht die Landwirtschaft

Erik Fyrwald

Erik Fyrwald

CEO Syngenta Group

«Moderne Pestizide können zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen»

Jon Parr

Jon Parr

Präsident von Syngenta Crop Protection

«Wer hat Angst vor den bösen GVO?»

Jürg Vollmer

Jürg Vollmer

Agrarjournalist

«Was uns Pflanzenzüchtung bringt»

Achim Walter

Achim Walter

Professor für Kulturpflanzenwissenschaften, ETH Zürich

«Forschungs- und Werkplatz braucht Impuls»

Jan Lucht

Jan Lucht

Leiter Biotechnologie bei Scienceindustries

«Landwirtschaft spielt eine tragende Rolle»

Jan Grenz

Jan Grenz

Dozent für Nachhaltigkeit, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL

«Wirkungsmechanismen der Natur besser verstehen»

Urs Niggli

Urs Niggli

Agrarwissenschafter und Präsident von Agroecology Science

«Ernährungssicherheit braucht echte Schweizer Produktion»

Jil Schuller

Jil Schuller

Redaktorin «BauernZeitung»

«Laien lassen die Dosis völlig ausser Acht»

Michael Siegrist

Michael Siegrist

Professor für Konsumentenverhalten, ETH Zürich

«Ist Bio wirklich gesünder?»

Anna Bozzi

Anna Bozzi

Leiterin Bereich Ernährung und Agrar bei scienceindustries

«Gentechnik und Umweltschutz gehen Hand in Hand»

Dr. Teresa Koller

Dr. Teresa Koller

Forscht am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich

«Die «Greta»-Generation wird mit Paradigmen rigoros aufräumen.»

Bruno Studer

Bruno Studer

Professor für Molekulare Pflanzenzüchtung, ETH Zürich

«Wir schützen was wir nutzen»

Regina Ammann

Regina Ammann

Leiterin Sustainability & Public Affairs, Syngenta Schweiz

«Der Kampf gegen Food Waste beginnt auf dem Acker»

Joel Meier

Joel Meier

Joel Meier ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Phytomedizin.

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