Die Zukunft der Ernährung wird auch in Davos entschieden
Jeff Rowe ist CEO der Syngenta Group. Er zeigt auf, weshalb die Transformation der Landwirtschaft – getragen von Daten, KI und Innovation – eine Schlüsselrolle für die globale Ernährungssicherheit spielt.
Montag, 19. Januar 2026
Bis 2050 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Damit rückt eine der grundlegendsten Fragen unserer Zeit ins Zentrum der globalen Agenda: Wie lässt sich eine wachsende Weltbevölkerung zuverlässig ernähren – und zwar so, dass wirtschaftlicher Wohlstand innerhalb der planetaren Grenzen entsteht?
Genau diese Fragen stehen auch im Fokus des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos. In einer Welt zunehmender geopolitischer Spannungen, technologischer Umbrüche und klimatischer Unsicherheiten wird diskutiert, wie Zusammenarbeit, Innovation und langfristiges Denken wieder stärker in Einklang gebracht werden können.
Für die Landwirtschaft ist diese Herausforderung besonders konkret. Mehr Menschen zu ernähren, ohne zusätzliche Agrarflächen zu erschliessen, ist keine theoretische Übung. Es verlangt eine tiefgreifende Transformation: eine neue Art, das bestehende Land zu bewirtschaften, und eine konsequente Verbindung jahrzehntelanger agronomischer Erfahrung mit der transformativen Kraft von Daten und künstlicher Intelligenz (KI).
Diese Transformation muss vor dem Hintergrund zunehmend volatiler Märkte und geopolitischer Unsicherheiten stattfinden. Landwirte weltweit – von den Weizenfeldern Australiens über den Maisgürtel der USA bis hin zu kleinbäuerlichen Betrieben in Indien – kämpfen mit steigenden Kosten, extremen Wetterereignissen, Arbeitskräftemangel und instabilen Absatzmärkten. In vielen Ländern, auch in der Schweiz, geben Bäuerinnen und Bauern ihre Höfe auf. Das ist nicht nur ein strukturelles Problem, sondern ein gesellschaftliches Warnsignal.
Und doch war Landwirtschaft schon immer ein Bereich, in dem Widerstandsfähigkeit und Innovation Hand in Hand gingen. Genau diese beiden Eigenschaften sind heute gefragt – nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und sozialen Zusammenhalt.
Der Lebensmittel- und Agrarsektor beschäftigt weltweit Hunderte von Millionen Menschen und bildet das Rückgrat ganzer Volkswirtschaften. Dennoch bleibt das Produktivitätswachstum entlang der globalen Lebensmittelkette deutlich hinter dem zurück, was nötig wäre, um den steigenden Bedarf nachhaltig zu decken. Diese Lücke zu schliessen ist keine Aufgabe einzelner Unternehmen oder Länder – sie erfordert systemische Lösungen und sektorübergreifende Zusammenarbeit, wie sie in Davos eingefordert wird.
Technologie wird dabei eine Schlüsselrolle spielen. Digitale Werkzeuge, fortschrittliche Datenanalysen, künstliche Intelligenz und Biotechnologie verändern bereits heute die Art, wie Lebensmittel produziert werden. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich nur wenige Innovationen erlebt, die das Potenzial hatten, die Landwirtschaft grundlegend zu verändern. Biotechnologie war eine davon – KI ist nun eindeutig die nächste.
Doch gerade in der Landwirtschaft gilt: KI allein ist kein Allheilmittel. Ihr Nutzen entsteht erst durch die Kombination mit hochwertigen Daten, lokalem Wissen und tiefem agronomischem Verständnis. Genau hier liegt auch eine der zentralen Fragen, die in Davos diskutiert werden: Wie stellen wir sicher, dass technologische Innovation verantwortungsvoll eingesetzt wird und allen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette zugutekommt?
Viele Landwirte arbeiten mit sehr geringen Margen. Die Anfangsinvestitionen in neue Technologien stellen daher eine reale Hürde dar. Hinzu kommt der eingeschränkte Zugang zu digitaler Infrastruktur: Lückenhafte Breitbandnetze in ländlichen Regionen erschweren vielerorts den Einsatz datengetriebener Lösungen. Für Betriebe, die seit Generationen bestehen, kann die notwendige Lernkurve überwältigend sein.
Umso wichtiger ist es, Innovationen so zu gestalten, dass sie praktikabel, zugänglich und wirtschaftlich sinnvoll sind. Verantwortung, Skalierbarkeit und Vertrauen sind keine Nebenthemen – sie sind entscheidend für den Erfolg technologischer Transformationen im Agrarsektor. Syngenta hat sich zum Ziel gesetzt, KI und Innovation in den Mittelpunkt seiner Strategie zu stellen und Bäuerinnen und Bauern weltweit bei dieser Transformation zu unterstützen.
Die Fortschritte sind bereits sichtbar. Züchter und Landwirte nutzen heute intelligente Plattformen, um Felder und Böden aus der Vogelperspektive zu analysieren und Nährstoffmängel, Krankheitsrisiken oder Schädlingsbefall frühzeitig zu erkennen. GPS-Technologie, maschinelles Lernen und Satellitenbilder ermöglichen eine präzise Ausbringung von Dünger und Pflanzenschutzmitteln – bis hin zur einzelnen Pflanze. Das senkt Kosten, reduziert Umweltbelastungen und erhöht die Effizienz.
Auch bei der Saatgutauswahl spielt Datenanalyse eine immer wichtigere Rolle. Landwirte können heute aus Hunderten von Sorten wählen – angepasst an spezifische Böden, Klimazonen oder Stressfaktoren wie Hitze und Trockenheit. Diese Präzision ist entscheidend, um Erträge zu sichern und Risiken zu minimieren.
Die Landwirtschaft ist in eine neue Phase eingetreten – eine Phase, in der Daten und KI nicht nur Produktivität steigern, sondern einen Beitrag zu Resilienz, Nachhaltigkeit und globaler Ernährungssicherheit leisten. Wenn der Geist von Davos eines klar macht, dann dies: Die grossen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam lösen. Die Transformation der Landwirtschaft ist dabei kein Randthema – sie ist ein zentraler Baustein für die Zukunft unseres globalen Wirtschaftssystems.
Jeff Rowe ist CEO von Syngenta Group. Der Beitrag ist im Hinblick auf das Weltwirtschaftsforum in Davos in der Davoser Zeitung erschienen.
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