Bruno Studer, wann kommen in der Schweiz trockentolerante CRISPR-Nutzpflanzen auf den Acker?
Bruno Studer, Professor für Molekulare Pflanzenzüchtung an der ETH Zürich, über das Potenzial von Pflanzenzüchtung, grüner Gentechnologie und einen möglichen Paradigmenwechsel dank der «Greta-Generation».
Publiziert: 21.09.2026, 16:27 Uhr
Neue genomische Techniken in der Pflanzenzüchtung werden heute anders diskutiert als die Gentechnik der 1990er-Jahre. Während damals transgene Pflanzen und ihre möglichen Risiken für Mensch und Umwelt im Mittelpunkt standen, beschäftigen Politik und Gesellschaft bei den neuen genomischen Techniken heute vor allem Fragen der Marktkonzentration, des Patentschutzes, der Transparenz und der Wahlfreiheit der Konsumierenden.
Menschen züchten seit Jahrtausenden Nutzpflanzen – zuerst durch Auswahl- und Kreuzungszüchtung, seit mehr als 75 Jahren auch durch den Einsatz der Mutagenese. Dabei wird das Erbgut von Nutzpflanzen bestrahlt oder mit Chemikalien behandelt, um genetische Diversität für die Züchtung zu erzeugen. Dabei entstehen Tausende zufälliger Veränderungen, sogenannte Mutationen, im Erbgut einer Pflanze. Dieses Vorgehen ist legal und die Grundlage für viele heutige Sorten.
CRISPR-Cas und die Frage nach zeitgemässer Regulierung
Seit wenigen Jahren werden Pflanzen mit neuen Werkzeugen wie CRISPR-Cas «editiert» und so ganz gezielt Mutationen erzeugt. Damit können Züchtungsforschende oder Züchtende ein Gen durch Veränderungen einzelner DNA-Bausteine gezielt ausschalten oder reparieren. Solche Veränderungen können auch natürlicherweise entstehen oder durch konventionelle Mutagenese hervorgerufen werden. Somit lässt sich am Endprodukt technisch nicht mehr eindeutig feststellen, wie die Veränderung entstanden ist. Deshalb stellt sich die Frage, ob eine Regulierung, welche die angewandte Methode in den Vordergrund stellt, noch zeitgemäss ist.
Die Europäische Union hat darauf reagiert und im Juni dieses Jahres neue Regeln in Kraft gesetzt. Sie unterscheidet zwischen NGT1-Pflanzen, deren genetische Veränderungen auch natürlich oder durch konventionelle Züchtung hätten entstehen können, und NGT2-Pflanzen mit weitergehenden genetischen Veränderungen. Entscheidend ist nicht mehr nur das Werkzeug, sondern das Ergebnis. Das ist sehr pragmatisch.
Schweizer Regulierungsansatz und Nachteile für KMU
Die Schweiz hat hier eine Chance verpasst. Zwar hat das Parlament bereits 2022 eine Revision der Gesetzgebung angestossen. Der 2025 in die Vernehmlassung geschickte Entwurf sieht jedoch im Vergleich zur EU-Gesetzgebung zusätzliche Kontroll- und Bewilligungsverfahren sowie Kennzeichnungspflichten vor. Diese zusätzlichen Hürden würden die Schweiz nicht nur gegenüber der EU benachteiligen, sondern vor allem KMU treffen, die sich im Gegensatz zu Grossunternehmen aufwändige und teure Zulassungsverfahren oft kaum leisten können und im Handel mit der EU mit zusätzlichen Kontroll- und Nachweispflichten konfrontiert wären.
Klimawandel und Chancen der Genomeditierung
Aktueller könnte diese Debatte kaum sein. Der heisse und trockene Sommer hat deutlich gezeigt, wie stark der Klimawandel die Landwirtschaft unter Druck setzen kann. Wir brauchen robuste Kulturpflanzen und angepasste Sorten. Dafür sind neben der klassischen Züchtung auch neue Ansätze gefragt. Auch wenn es keine einzelne Lösung für die Herausforderungen des Klimawandels gibt, kann die Genomeditierung einen wichtigen Beitrag leisten. Sie ermöglicht, Sorten traditioneller Kulturarten gezielter an bestimmte Umweltbedingungen anzupassen und bisher wenig genutzte, trockenheitsverträgliche Kulturpflanzen wie Buchweizen oder Hirse rascher für die Schweizer Landwirtschaft nutzbar zu machen. Mehr Vielfalt auf dem Acker bedeutet weniger Risiko: Fällt eine Kultur unter Trockenstress aus, kann eine andere besser damit umgehen. Diese Diversifizierung stärkt die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft und unseres Ernährungssystems.
Harmonisierung mit der EU als Notwendigkeit
Die Schweiz sollte deshalb möglichst rasch Klarheit schaffen und ihre Regulierung mit jener der EU abstimmen. Als kleines Land mit engen Verflechtungen zu den europäischen Agrar- und Lebensmittelmärkten kann sie sich regulatorische Sonderwege kaum leisten. Je stärker die gesetzlichen Grundlagen voneinander abweichen, desto grösser werden der bürokratische Aufwand, die regulatorischen Kosten und die Hürden für den Austausch von Pflanzenmaterial.
Bis dahin sollten wir die Zeit nutzen, um unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen, den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu stärken und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Gelingt dies, kann auch die Schweiz die Chancen neuer genomischer Techniken bald pragmatisch und verantwortungsvoll nutzen.
Bruno Studer ist Professor für Molekulare Pflanzenzüchtung an der ETH Zürich. Die Professur Molekulare Pflanzenzüchtung steht in enger Zusammenarbeit mit Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung. Dieser Beitrag ist am 18. September 2026 als Erstveröffentlichung auf der Website der ETH Zürich erschienen.
Schlagworte: ETH Zürich · CRISPR-Cas · Genomeditierung · Pflanzenzüchtung · NGT · Agrarpolitik · Trockentoleranz
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