Spülschwämme und Pestizide
Bio statt Pestizide, Handspülen statt Spülmaschine, möglichst wenig «Chemie»: Tante Monika lebt konsequent umweltbewusst. Doch ausgerechnet ihr geliebter Küchenschwamm beherbergt Milliarden von Bakterien – darunter gefährliche Krankheitserreger. Ein Meinungsbeitrag des promovierten Biochemikers und Wissenschaftsjournalist Ludger Wess.
Publiziert: 13.05.2026, 18:52 Uhr
Tante Monika wählt grün. Aus Überzeugung, weil das die einzige Partei ist, die was für die Umwelt tut. Tante Monika lebt auch sehr umweltbewusst. Sie isst nur Bio, wegen der Pestizidrückstände und beim Fleisch («vegan wäre besser», seufzt sie, «aber ich kann’s nicht lassen») achtet sie auch auf Bio, wegen Tierwohl und Antibiotikarückständen. Sie will ja nicht krank werden. Auch sonst ist sie sehr konsequent: Die Spülmaschine benutzt sie praktisch nicht mehr («zu viel Wasser, zu viel Chemie, Klarspüler und Salz und wer weiss, was in den Tabs alles drin ist!»). Sie spült mit dem Schwamm. Und weil sie sparsam ist, benutzt sie ihren Spülschwamm sehr lange, so lange, bis der grüne Teil abgeschrubbt ist.
Es hat wenig Zweck, mit ihr zu diskutieren. Ich schaue den Spülschwamm an und denke an eine Studie, die 2017 erschienen ist. Es stammt aus dem Labor von Dr. Markus Egert, Professor für Mikrobiologie und Hygiene an der Hochschule Furtwangen und trägt den harmlosen Titel «Microbiome analysis and confocal microscopy of used kitchen sponges (Mikrobiomanalyse und Konfokalmikroskopie gebrauchter Küchenschwämme)». Das Paper hat es in sich.
Egert und sein Team fanden in Küchenschwämmen, die wie bei Tante Monika mit etwas Restfeuchte neben oder im Spülbecken liegen (dasselbe Spülbecken, in dem sie ihr Obst und ihr Gemüse von den gefährlichen Pestizidrückständen befreit), gut 54 Milliarden Bakterien pro Kubikzentimeter. Das sind pro Kubikzentimeter sechsmal mehr Bazillen, als es Menschen auf der Erde gibt und ziemlich genau so viele wie im menschlichen Stuhl.
Und was für welche! Die Forscher fanden 362 verschiedene Arten, darunter jede Menge Krankheitserreger: Salmonellen und Staphylokokken, Campylobacter-, Enterobacter- cloacae, Escherichia coli-, Klebsiella und Proteus-Stämme. Sie verursachen Durchfälle, Blutvergitungen, Lungenentzündungen, Wund- und Hautinfektionen, Harnwegserkrankungen – viele davon sind gefürchtete Erreger von Krankenhausinfektionen.
Sie fühlen sich wohl in diesen Schwämmen: Es gibt durch die Hohlräume sehr viel Platz zur Ansiedlung, die Essensrückstände bieten reichlich Kohlehydrate, Fette und Eiweiss, die Temperatur ist durch das Spülwasser angenehm, und feucht ist es auch ohne Unterlass, denn kein Schwamm trocknet zwischen zwei Spülgängen vollständig aus. Meist wird er auch zwischendurch noch benutzt, um mal eben eine Oberfläche sauber zu wischen.
Jedes Mal, wenn Tante Monika das tut, verteilt sie die Bakterien auf der Küchenplatte, auf ihren Händen und auf allem, was sie danach anfasst. Und natürlich via Spüle auch auf das Obst und Gemüse, das sie dort so richtig gesund waschen will.
Schon 2011 fand die National Science Foundation der USA heraus, dass die Küche der am wenigsten hygienische Ort einer Wohnung ist - nicht das Bad oder die Toilette, sondern die Küche, allen voran der Küchenschwamm, gefolgt vom Spülbecken, den Arbeitsplatten und den Schneidebrettern. Erst danach kamen Gegenstände aus dem Badezimmer. Nicht von ungefähr drückte Prof. Andreas Hensel, Leiter des Bundesinstituts für Risikobewertung es 2017 in einem Interview sehr drastisch aus: «Eine Möhre, die Ihnen beim Schälen versehentlich ins Klo gefallen ist, können Sie in der Regel noch essen. Ist sie aber in die Spüle gerutscht, beissen Sie besser nicht hinein.»
Um die Schwämme zu desinfizieren, reichen weder kochendes Wasser noch Erhitzen in der Mikrowelle aus. Egerts Team fand heraus, dass das zwar viele Bakterien abtötet, aber weil einige dann doch überleben, züchtet man auf diese Weise auch noch besonders robuste Stämme heran. Und man konzentriert ausgerechnet die pathogenen Stämme, weil die schon von Natur aus besonders stress-tolerant sind.
Der Hygieniker empfiehlt, die Schwämme längstens eine Woche zu benutzen und dann auszutauschen. Norwegische Mikrobiologen raten gleich zur Umrüstung auf Spülbürsten. Da gibt es bereits welche mit antibakteriellen Borsten. Aber auch die konventionellen sind besser als Schwämme: Sie bieten weniger Oberfläche und sie trocknen relativ schnell, wenn man sie nach Gebrauch irgendwo aufhängt. Und noch besser stellt man sie einfach mit dem schmutzigen Geschirr in die Spülmaschine. Danach sind sie keimfrei.
Tante Monika hält das alles für Quatsch. Schliesslich macht sie das seit Jahrzehnten so. Und weil sie nur Bio isst, hat sie ein starkes Immunsystem. «Du willst nur von den Giftrückständen ablenken, die eine grosse Gefahr für die Gesundheit sind!» Ich weise darauf hin, dass sie auch eine Leber hat. Aber den Einwand lässt sie nicht gelten. «Die wird aber nur mit natürlichen Giften gut fertig, künstlich hergestellte Chemie kennt sie nicht.» Aber das ist ein anderes Thema.
Autor des Artikels: Ludger Wess ist promovierter Biochemiker und Wissenschaftsjournalist. Als profunder Kenner der agrarwissenschaftlichen Forschung engagiert er sich für eine faktenbasierte Debatte über unsere Ernährung, landwirtschaftliche Produktion und neue Züchtungstechnologien.
Legionellen: Die unterschätzte Gefahr im Haushalt
Putzschwämme sind natürlich nicht der einzige Ort im Haushalt, an dem Bakterien ein mitunter langes und glückliches Leben führen. Wie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) kürzlich erinnerte, ist auch das Wasser in unseren sanitären Anlagen nicht frei von Risiken. Konkret geht es um sogenannte Legionellen, die natürlicherweise im Wasser vorkommen. Diese Bakterien können die Legionärskrankheit mit schwerer Lungenentzündung oder das mildere Pontiac-Fieber auslösen. Seit über zwei Jahrzehnten werden dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) jedes Jahr mehr Fälle der Legionärskrankheit gemeldet. Die steigenden Zahlen haben das BLV dazu veranlasst, das Thema genauer zu untersuchen.
Ein bekannter Übertragungsweg ist das Einatmen von Aerosolen aus Duschwasser, das mit Legionellen – insbesondere Legionella pneumophila – belastet ist. Die bisherigen Daten deuten jedoch darauf hin, dass Duschen in der Schweiz nicht die wichtigste Infektionsquelle sind. Stattdessen könnten andere Umweltfaktoren eine grössere Rolle spielen. Hier besteht offenbar noch weiterer Forschungsbedarf.
Klar ist jedoch: Besonders bei modernen Systemen gibt es einen Konflikt zwischen Energiesparen und Hygiene. Zu niedrige Temperaturen in Boilern bieten Legionellen ideale Bedingungen. Deshalb empfiehlt der Bund grundsätzlich eine Wassertemperatur von über 55 Grad Celsius in entsprechenden Zirkulationssystemen. Sparen Sie also nicht am falschen Ort – es könnte sich rächen!
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